
Nahverkehr in NRW: Teil 26 - RB 84: Die Egge-Bahn
Die Egge-Bahn verbindet Paderborn mit Holzminden in Niedersachsen und damit das Flusseinzugsgebiet der Ems mit dem der Weser.
Die Linie wird von der NordWestBahn (NWB) betrieben. Sie fährt hier mit ihren blau-gelben Talent-Triebwagen der Baureihe 643. Von der Münsterländer Tieflandsbucht in Paderborn geht es rasch bergauf in die Paderborner Hochfläche. Bei Altenbeken wird das Egge- Gebirge in einem mehr als ein Kilometer langen Tunnel unterfahren. Es schließt sich das Oberwälder Land mit der Unterlandschaft Nethegau an. Bei Höxter wird das Weserbergland bzw. die Weser erreicht. Holzminden liegt am Nordende des Sollings in Niedersachsen. |
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Und auch diesmal gibt es, wie bei der Rollbahn mit der RB 66 "Teuto-Bahn" auch, einen bildhaften Vergleich zwischen Realität und Simulation. Existiert die Strecke im Abschnitt Altenbeken-Ottbergen doch in einer Demoversion von ZuSi 2, dem "Zug Simulator", bei dem bekanntlich das Hauptaugenmerk auf der Technik liegt und weniger auf der graphischen Umsetzung. Aber man kann ja trotzdem mal vergleichen.
Von Fröndenberg mit der Hönnetalbahn frühmorgens nach Unna, von dort mit der Hellwegbahn nach Soest. Hier heißt es um den Anschluss bangen, doch die RB 59 ist pünktlich und so erreiche ich ohne Probleme und ohne Sprint die Ems-Börde-Bahn nach Paderborn.
Paderborn Hauptbahnhof - der Ausgangspunkt. Wobei... so ganz stimmt das nicht. Es ist zwar korrekt, dass die RB 84 offiziell von Paderborn nach Holzminden fährt. Die NordWestBahn, die die Linie betreibt, bindet die Züge jedoch von und nach Bielefeld durch. In Paderborn geht die RB 84 in die Senne-Bahn der Linie RB 74 über. Man braucht also nicht umzusteigen und wechselt in Paderborn nur einmal die Fahrtrichtung.
Rein von der Wortbedeutung kann man darauf kommen, dass hier in der Stadt tatsächlich der Fluss Pader entspringt, also geboren wird. Nach vier Kilometern fließt die Pader in die Lippe und ist damit der kürzeste Fluss Deutschlands. Im Gegensatz zur Stadt wird der Fluss sogar so aus- gesprochen, wie er geschrieben wird. Der westfälische Volksmund spricht die Stadt mit doppeltem d und verschlucktem r aus: "Paddaboaan".

Paderborn Hauptbahnhof: Endstation der RB 89 (meistens) |

Kleiner Hauptbahnhof am Rande der Stadt |

Gymnasium Theodorianum und Theologische Fakultät der Uni |

Rathaus von Paderborn |
Die Stadt ist Bischofssitz und Universitätsstadt. Der Bahnhof ist etwas außerhalb der Stadt, weshalb eine Besichtigung bei vergangenen Exkursionen zeitlich immer etwas enger war. Heute steige ich aber in den Bus und lasse mich am westlichen Ende der Innenstadt absetzen. Okay, so weit ist das auch nicht - aber bis zum Dom oder zum Rathaus ist es ja auch noch ein ganzes Stück weit zu Fuß. Der Dom ist ein mächtiger, gotischer Natursteinbau mit Grünspandächern und wurde größtenteils im 13. Jahrhundert gebaut. Vor dem Dom befindet sich ein kleiner Marktplatz, der leider durch einen nicht besonders hübschen Bau des Diözesanmuseums vom Dom getrennt ist.
Nur ein paar Schritte zurück Richtung Bahnhof stößt man auf das Rathaus der Stadt. Hier beginnt eine Fußgängerzone bis zum Westerntor. Mit dem Bus ist es von hier aus wiederum ein Katzensprung, den man gut und gerne auch hätte laufen können. Aber da der Takt der Busse auf dieser Strecke so gut ist - man könnte fast von einer Art Stammstrecke sprechen - braucht man meist nicht länger als ein, zwei Minuten auf den nächsten Zubringer zum Bahnhof zu warten. Wenn man das Ticket eh hat, lohnt das. Und da ich heute noch genug laufe, sowieso.
Wussten Sie übrigens, dass die Stadt ein eigenes Lied hat?? Der Refrain geht so:
Paderborn, Paderborn - meine Stadt ich liebe Dich!
Manchmal stur doch immer herzlich.
Paderborn du bist wie ich. Paderborn, Paderborn - meine Stadt ich liebe Dich.
Manchmal stur doch immer herzlich -
Paderborn du bist wie ich.
Sie können es sich ja mal YouTube anhören. So schlecht klingt es nicht einmal. |

Paderborner Dom St. Liborius |
Ich steige von der eurobahn auf die Westfalenbahn um. Mit ihr geht es auf in die Paderborner Hochfläche. Schon bald liegt die Stadt hinter uns tief in der Ebene, ganz hinten am Horizont am Ende der Ebene lassen sich schwach die Höhen des Teutowaldes als blaue Schemen erahnen. Wir verschwinden nun in der bewaldeten Hochfläche und überfahren gleich das wichtigste architektonische Objekt der Strecke: das oder der Altenbekener Viadukt, auch "Großer Viadukt" genannt. Zuvor wird noch eine kleinere Talüberquerung mit dem Namen "Kleiner Viadukt" überfahren. Ich steige am zugehörigen Bahnhof von Altenbeken aus.

Altenbeken. Ein Landbahnhof. Endstation des "Leinewebers"
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Empfangsgebäude
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Ein Versuch, den Bahnhof erblühen zu lassen |

Die Egge-Bahn nach Holzminden neben dem Leineweber |

Ostwestfalenbahn von Bielefeld nach Paderborn |

Der etwas unscheinbare Haupteingang des Landbahnhofs |

Egge-Bahn von Holzminden nach Paderborn (bzw. Bielefeld) |

S5 nach Hannover - schon zur "S-Bahn Hannover" gehörend |
Mit Altenbeken verbindet man häufig einen der kleinsten IC / ICE-Halte Deutschlands. Ja, im 9400 Einwohner kleinen Ort hält tatsächlich der Fernverkehr auf dem Weg nach Kassel und weiter nach Leipzig oder Richtung Ruhrgebiet. Häufig hört man Sätze wie "warum ist x kein ICE-Halt, aber Altenbeken, wo keine 10.000 Einwohner wohnen?!" Zunächst ist die übergroße Dimension des Landbahnhofs Bahnhofs historisch bedingt.

Wartehalle im Flur des EGs
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Außerdem ist Altenbeken ein nicht zu unterschätzender Umsteigeknotenpunkt - auch für den Fernverkehr. Sie werden es nicht glauben, aber schauen Sie mal auf den Linienplan (oder Netzspinne, falls man den bei Ihnen so nennt):
Mit der RB 84 gelangt man nach Höxter und Holzminden, kann aber in Ottbergen in den Nahverkehr von Niedersachsen umsteigen, um nach Göttingen, in den Solling oder den Harz zu fahren. Außerdem beginnt in Altenbeken die Linie des RE 82 "Der Leineweber", der über Detmold nach Bielefeld fährt und so Anschluss an weitere IC- und ICE-Linien sichert. Mit der RB 72 "Ostwestfalenbahn" gibt es zusätzlich eine Verbindung nach Herford. Mit der S5 gelangt man nach Hannover.
Der Bahnhof ist keilförmig angeordnet mit einem Empfangsgebäude in Insellage. Neben dem Hausbahnsteig gibt es an jeder Seite einen Inselbahnsteig. An der dritten Seite des Bahnhofs befinden sich noch einige Sackbahnhofsgleise. Diese wirken allerdings größtenteils seit langem ungenutzt, Pflanzen wachsen im Gleisbett und die Schienen sind sehr verrostet. Ein einzelner Kofferkuli wartet dort auf seine Benutzung, einige Zugzielanzeigen sind mit Folien zugedeckt.
Ein typischer Landbahnhof, der langsam seine Wichtigkeit eingebüßt hat.
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Doch nun wird es Zeit, zum Viadukt zu marschieren. Es existiert am östlichen Widerlager eine neu geschaffene Aussichtsplattform, der Zugang vom Ort aus ist etwas versteckt. Doch vom Fuße der Brücke führt ein Treppenstufenweg direkt dorthin. Das Viadukt ist etwa 1,5 Kilometer vom Bahnhof entfernt und nicht zu verfehlen. Ich verzichtete zugunsten der Rucksacklast auf Karten und Navigationssysteme, war ich doch der Meinung, dass man das Viadukt nicht übersehen könne. Und es war eine richtige Entscheidung. Übersehen kann man es wahrlich nicht und der Weg ist zusätzlich auch noch ausgeschildert. Okay, um die Aussichtsplattform zu finden, musste ich die Wegbeschreibung auswendig lernen. Dumm nur, dass sich ein Straßenname geändert zu haben scheint. Gefunden hab ich´s trotzdem.

Ems-Börde-Bahn nach Warburg auf dem Altenbekener Viadukt
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Kurze Zeit später folgt die Egge-Bahn der NWB nach Holzminden
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24 Säulen mit einer Maximalhöhe von 35 Metern über Grund |

Ein Kapellchen und die S5 nach Hannover. Wie ein Spielzeug. |

Die Ostwestfalenbahn kehrt aus Paderborn zurück nach Bielefeld |

Und die nächste RB 84 auf dem Weg in die Egge |
Das Viadukt wurde 1853 eingeweiht und ist die größte Kalksandsteinbrücke Europas. Es hat eine Länge von ca. 480 Metern und eine Höhe von maximal ca. 35 Metern (Höchste Distanz zum Talgrund), beschreibt dabei einen großen Bogen. Es wurde im zweiten Weltkrieg mehrfach bombardiert und zerstört. Erst Anfang der 50er Jahre konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden. Zuvor mussten Reisende auf der Strecke am einen Ende aussteigen, den Hang hinunterklettern, auf der anderen Seite wieder hinauf und den Anschlusszug nehmen.

Von Weitem sieht so ein Quietschie auch ganz nett aus. Solange man nicht mit fahren muss ;-)
Natürlich hält es mich nicht eine Stunde lang auf der Plattform. Ich entdecke irgendwann die kleine Kapelle unterhalb der Brücke, die meiner Meinung nach ein schönes Vordergrundmotiv abgibt. Nach sieben Personen- und einem Güterzug hab ich genug und schaue ich mir den Ort an.

Einzelhandelszentrum im Ortskern (links) und die Beke |

Egge-Museum |
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Das Tal, in dem Altenbeken liegt, ist relativ schmal. Zu den meisten Häusern - und auch zum Bahnhof - muss man recht steile Straßen hochlaufen.
Im größten Teil besteht der Ort aus Neubauten, wie man relativ schnell erkennnen kann. Die Tatsache, dass Altenbeken sogar IC- oder ICE-Halt ist, verwundert nicht nur viele Leute, sondern führte wohl auch zu einer Expansion im Ort. Es gibt aber auch ältere Gebäude in einem alten Kern und zwei Kirchen. Das "Zentrum", oder besser die "Ortsmitte", besteht größtenteils aus einem langgestreckten, recht modernen Einzelhandelskomplex, der entlang einer Prommenade am Ufer der Beke angelegt ist. Man gibt sich hier aber offensichtlich Mühe für eine ansprechende Bepflanzung. In der Nähe des Viadukts befindet sich das Egge-Museum, davor steht sehr demonstrativ eine Dampflok der Baureihe 44 - samt Wasserkran. |
"Kommst du mal eben zum Gleis 1?" - kommt von irgendwoher ein Funkspruch im Kabuff der Aufsicht. Die Frau in dem Raum setzt ihre Mütze auf, stützt sich ans Mikrofon: "An Gleis 1 fährt ein: Der RB 84 nach Holzminden. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt!". Der Regionalbahn?!

Egge-Bahn-Gegenzug aus Holzminden nach Paderborn
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Innenraum des NWB-Talentes: blau-gemusterte Sitze mit Radios
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Ich fahre mit dem Talent der NordWestBahn weiter nach Osten. Der Triebwagen hat neben einem Fahrkartenautomaten auch ein Heißgetränkeautomaten an Bord. Die Sitze haben Radios eingebaut. Mit passenden Ohrsteckern kann man diversen Radioprogrammen oder Hörspielen lauschen.
Zunächst geht es im Bummeltempo durch den ca. 1630m langen Rehbergtunnel. Sachte schaukelt der Triebwagen durch die Dunkelheit. Hier finden sich sogar mit Neonröhren beleuchtete Vorsignalbaken - die dazugehörigen Vorsignale und auch die Hauptsignale stehen auch im Tunnel. Denn direkt dahinter liegt der Abzweig von Langeland. Wir halten uns Richtung Osten. Vorbei an Bad Driburg und fahre ich zunächst bis Brakel.

Bahnhofsgebäude von Brakel |

Eggebahn erreicht aus Holzminden kommend Brakel |

Ein Bahnübergang sichert den Zugang über das Gleis 1 |

Früher brauchte man längere Bahnsteige. Heute abgeschnitten |
Brakel ist eine Kleinstadt, die bereits zum Kreis Höxter (HX) gehört. Das eigentliche Stadtzentrum liegt etwa 700 Fußwegmeter vom Bahnhof entfernt. Weit genug offenbar, dass viele mit dem Bus anreisen. Und natürlich geht die Schranke zum Bahnsteig genau dann runter, wenn der Bus kommt und die Leute aussteigen. Ich tippe mal darauf, dass das alltäglich ist und die Lokführer auch schauen, ob noch jemand nachkommt (hinter dem Zug öffnet sich die Schranke ja wieder). Aber einige Frauen würden gerade jetzt die Schranke am liebsten abreißen und schreien quer über den Bahnhof, wie sch... die Bahn sei. Wie auch ich erreichen sie den Zug problemlos. Viel Ärger umsonst. Ich fahre nach Bad Driburg.

Bahnhofsgebäude Bad Driburg mit Geister-Hausbahnsteig |

Egge-Bahn nach Holzminden fährt ein |

vorbei am alten Stellwerk im Westen des Bahnhofgeländes |

Das Empfangsgebäude hat heute eine andere Nutzung |

Fußgängerzone von Bad Driburg |

Und hier sitzt die Stadtverwaltung im Rathaus |
Der Bahnhof ist modernisiert, wie es sich für einen an Kurgästen reichen Ort gehört. Der Zugang zum Bahnsteig ist stufenlos und wird ebenfalls über einen kleinen Bahnübergang geführt. Ich mache meine Fotos vom Empfangsgebäude von der Straßen- und Gleisseite.
Kaum komme ich am gläsernen Wartehaus vorbei, höre ich eine plärrende Stimme. "Hee...Hallo!! Sie könnten mal fragen, bevor Sie mich fotografieren!" - "Ich habe doch nicht Sie fotografiert, sondern den Bahnhof. Sie sind gar nicht drauf." - "Das soll ich glauben?" - "Wollen Sie gucken?" Ich lasse die Frau das letztgemachte Foto anschauen. Dass ich noch hunderte mehr Fotos gemacht haben könnte außer jenes, darauf kommt sie nicht. "Auch nicht ganz klein dahinten? Okay, ich glaub das dann mal..." Ich will schon weitergehen. "Wissen Sie, ich darf nämlich nicht rauchen. Das hat man mir verboten. Und wenn das nun mein Arzt sieht!" Leute am Bahnsteig, die mitgehört haben, unterdrücken ein Lachen.
Zu Fuß erreicht man innerhalb von fünf Minuten die kleine Innenstadt von Bad Driburg. Sie ist relativ klein, dafür, dass die Stadt recht bekannt ist. Hier dominieren halt Kureinrichtungen und Kliniken. Alle Nasen lang fahren Busse mit neuen Kurgästen durch den Ort und zum Busbahnhof, gegenüber des Bahnhofs gelegen.
Zwanzig Minuten später. Die Schranken am Übergang schließen sich - es steht allerdings diesmal keiner mehr auf der anderen Seite. Der schöne, blau-gelbe Talent rollt ein und ich fahre zwei Stationen weiter nach Ottbergen. Ich habe vor Jahren mal die ZuSi-Demo gespielt und kenne daher noch in Etwa die Strecke Altenbeken-Ottbergen. Aufgrund der groben Erinnerungen an den Bahnhof Ottbergen in der Simulation erwarte ich beim Aussteigen eigentlich einen größeren, lebhaften Bahnhof. Aber in Realität?

RB 84 "Egge-Bahn" der NWB in Ottbergen
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In Ottbergen ist die Hölle los
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Ist hier eigentlich irgendein Mensch?
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Zwei einsame NordWestBahn-Talente warten auf Fahrgäste
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Der Zugang führt durch zwei Tunnel
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LINT 41 wurde vom Bahnsteig zurückgesetzt: die Solling-Bahn |

Schülerzug in den Ferien: Kein Mensch in Sicht |

Zugewachsener Südteil des Bahnhofs |

Regionalbahn nach Northeim - in NRW als RB 86 geführt |

Oberweserbahn nach Göttingen (2008), als RB 85 in NRW |

Der alte Ringlokschuppen ohne Gleisanschluss verkommt |
Lebhaft?! Pustekuchen! Ich bin hier ganz alleine. Ausgestiegen ist keiner, am Bahnsteig kommen einige aus dem Zug aus Göttingen angelaufen. Erst in einer dreiviertel Stunde gibt es hier wieder Zugverkehr. Doch noch ein Mensch: der Lokführer im LINT aus Göttingen setzt seinen Triebwagen ein Stück zurück vom Bahnsteig, damit auch keiner einsteigt. Er fährt erst in etwas mehr als einer Stunde zurück. Er macht es sich bequem im Führerstand, hat das Fenster geöffnet und liest Zeitung.
Die sogenannte "Oberweserbahn" fährt von hier aus im Zweistundentakt in die Stadt im Harzvorland in Niedersachsen. Bis vor kurzem war es noch so, dass die Züge auf dem breiten Bahnsteig nebeneinander standen. So konnte man vom einen Zug schnell rüberflitzen in den anderen - zum Beispiel bei Regenwetter oder wenn es mal wieder etwas knapper wird. Durch geschickte Neusignalisierung des Bahnhofs mit KS-Signalen (bei der ersten Erkundung standen hier noch Formsignale) hat man es geschafft, die Distanz zwischen den beiden Zügen nahezu auf die maximal mögliche hochzusetzen. Die Oberweserbahn hält am östlichen Teil des breiten Bahnsteigs, die Egge-Bahn am westlichen auf der anderen Seite. Man muss neuerdings als Umsteiger also einmal um das Gebäude laufen. Respekt für die Planung. Darauf muss man erstmal kommen. Einer der Aussteiger, die in die Egge-Bahn einsteigen, ruft mir noch zu, dass ich zum Fotografieren eines schönen Bahnhofs einige Jahre zu spät gekommen sei.
Der Bahnhof selbst ist unbesetzt und abgeschlossen. Die Räume sind - so man durch die Fenster schauen kann - größtenteils ausgeräumt und leer. An einer Stelle tropft Wasser vom Dach auf das inzwischen morsche und von Moos bewachsene Fensterbrett. Ganz dicht scheinen die Fenster nicht mehr zu sein. Von innen hängen hier und dort Kondenstropfen auf der Scheibe. Durch ein dreckiges Glasfenster kann man einen ehemaligen Fahrkartenschalter erkennen. Alle Schränke sind offen und leer. Verlassen. Im Nachbarraum steht ein großer Tresor mit Zahlenschloss, daneben altertümliche Stühle, wie man sie sich in einem verstaubten Vorstadtamt vorstellt. Die Wartehalle ist verschlossen, ein Plakat an der Tür begründet dies mit Bedauern mit Vandalismusschäden. Schäden sieht man allerdings keine.
Eben fährt auf dem nördlichen Inselbahnsteig ein Schülerzug aus Holzminden ein. Leer natürlich, es sind ja auch Ferien. Ich glaube, es ist nichtmal einer ausgestiegen. Diesen besagten Inselbahnsteig erreicht man nur durch Umweg - zumindest nicht vom Mittelbahnsteig und dem Bahnhofsgebäude. Man muss Treppe runter auf die Straße, durch den Tunnel, um die Kurve und am Güterschuppen auf der Ladestraße vorbei auf den Bahnsteig. Da aber eh keiner aus- oder einsteigt, braucht man sich über den langen Weg auch nicht zu beschweren.

Ehemaliger Fahrkartenschalter in Ottbergen |

Tresor im Bahnhofsgebäude |

Wartehalle - abgesperrt und nicht zu benutzen |
Über eine Treppe auf dem Mittelbahnsteig gelangt man auf das Straßenniveau. Hier hängt verloren ein Bushaltestellenschild an der Unterführung. Rechts Straßentunnel, links Straßentunnel. Es ist still. Ich gehe kurz durch den Ort - Zeit habe ich ja genug. Fachwerkhäuser, Scheunen, Bauernhöfe. Die Ortsdurchgangsstraße ist gut genutzt. Pizzeria - augenscheinlich für immer geschlossen. "Lebensmittel & Bäckerei" - Leuchtreklame im Stil der Spät-70er mit Schreibschrift- Leuchtbuchstaben. Natürlich aber auch geschlossen. Obstgärten machen auf Herbst, Dahlien lassen verblühte Köpfe hängen. Der Salat schießt in die Höhe. Vor einigen Häusern stehen Solarleuchten am Bürgersteig. Kriminalität bzw. Diebstahl gibt es hier wohl nicht.
Nicht weit entfernt steht der ehemalige Ringlokschuppen im Gebüsch. Einige Tore stehen offen, Gleise gibt es keine mehr. Der Zugang wird durch ein Gatter verwehrt, außerdem durch mehrere Schilder, dass das Betreten verboten sei. Und daran kann man sich auch mal halten. |
Im Gegensatz zum letzten Besuch lerne ich diesmal die nur ein einziges mal am Tag fahrende RB 86 nach Northeim kennen. Der LINT wird wieder an den Bahnsteig vorgefahren und in der Zielanzeige leuchtet nun der Schriftzug "RB Northeim(Han.)" auf. Die Linie heißt "Solling-Bahn", benannt nach dem kleinen, runden Mittelgebirge bei Uslar, dessen Ausläufer bis nach Höxter und auch nach Hessen reichen.

Oder ist hier doch noch Verkauf? Immerhin hängt eine Eis-Fahne |

Der Ort Ottbergen an sich... |

Haaaaalloooo? Ist hier jemand?? |

Platz an der Kirche. Auch niemand. |
Bald rollt am Bahnhof die Egge-Bahn ein. Es steigen Leute aus, die allesamt im LINT nach Northeim verschwinden. Keiner bewegt sich in Richtung Unterführung und den Ort selbst. Alle Aussteiger sind Umsteiger.
Von Ottbergen geht es vorbei an Höxter nach Lüchtringen. Das Dorf liegt auf halber Höhe zwischen Höxter und Holzminden, der Endstation der Egge-Bahn. Vor der Einfahrt in den Haltepunkt überfährt der blau-gelbe Triebwagen die Weser und passiert das Kloster Corvey. Hinter dem Halt liegt ein für mich unüberwindbares Hindernis: die Landesgrenze. Im Nachbarort Stahle befindet sich der östlichste Punkt des Bundeslandes. Und direkt an der Grenze endet nicht nur das Tarifgebiet des nph (Nahverkehrsverbund Paderborn-Höxter), sondern auch die Gültigkeit für mein NRW-Ticket - wie der Name schon sagt. Daher ist in Lüchtringen für mich Endstation - und wenn Holzminden noch so schön sein soll...!

Haltepunkt Lüchtringen: privat bewohntes Bahnhofsgebäude |

Wirklich schön angelegt |

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Richtung Ortsmitte steht eine Kapelle am Wegesrand |

Es hat was von Ottbergen. Mit einem Unterschied: Leben! |

Eine blitzsaubere Kirche steht nahe der Weser |
Der erste Eindruck beim Ausstieg ist sehr positiv. Der Bahnhof ist modernisiert, das Bahnhofsgebäude in Privatbesitz. Ein Pluspunkt steht am Zugang zur Straße. Keine Spur von Dreck oder Beschädigung.
Lüchtringen ist ein ähnlich kleines Dorf wie Ottbergen, allerdings weist es deutlich mehr Vitalität auf. Hier gibt es Geschäfte und Sparkassen und Menschen auf der Straße. Von weitem sieht man schon die Kirche mit dem weißen Turm. Bänke unter Bäumen, wo Leute im Schatten sitzen, ein Maler stellt seine Ausrüstung an einem Café aus und hält den Moment mit einer Kamera fest. Klick... klick....
Beinahe schade, dass der Zug so schnell von der Endstation zurückkehrt. Er bringt mich zurück über den Strom in die Kreisstadt Höxter. Der Bahnhof bzw. richtigerweise Haltepunkt heißt "Höxter Rathaus" und liegt direkt an der Weser.

Das Rathaus von Höxter - am Bahnhaltepunkt |

Fachwerkhaus der Dechanei in Höxter |

Dechanei im Detail |

Markttag in Höxter: belebte Fußgängerzone |

Niedersächsischer Architektureinschlag im Fachwerk |

Gässchen hinterm Rathaus |
Die Stadt Höxter besteht aus einigen sehr schönen Fachwerkhäusern. Mittelpunkt ist die Dechanei, dessen Gebäude zum Wahrzeichen geworden ist. Höxter ist Kreisstadt des gleichnamigen Kreises. Ich weiß nicht, ob es immer noch so ist, aber in meinem damaligen Erdkundebuch "Terra" kam Höxter im Kapitel vor Buldern (vgl. Artikel zum RE 2) vor zum Thema Wohn-, Gewerbe- und Industriegebiete. Von daher wollte ich da auch schon immer mal hin, um mir die Theorie in der Praxis anzuschauen.
Im Gegensatz zur Stadt ist der Bahnhof eher nichtssagend. Es gibt einen mehr oder weniger schönen Flachdachbungalow mit Reisebüro und Kiosk. Der Bahnsteig an der eingleisigen Strecke ist modernisiert. Der Nachteil ist, dass der Haltepunkt direkt an der einzigen Straßenbrücke über die Weser auf dem Stadtgebiet liegt. Dementsprechend hoch ist das Verkehrsaufkommen - zum Zeitpunkt meiner beiden Besuche war hier Dauerstau. Stau außerdem vor dem Bahnübergang auf der Brücke, sobald sich der Zug nähert. Schön ist jedoch, dass man hier je nach Uhrzeit wohl direkt aufs Schiff umsteigen kann. Hat doch auch was.

Talent der Nordwestbahn vor der Kulisse von Höxter an der Weser |

Stillgelegter Bahnhof bei Corvey |

Einfahrt in den Haltepunkt Höxter |

Bahnhofsgebäude |
Ich organisiere ich mir noch ein Eis - die Nahrungsvorräte sind aufgebraucht - und dann geht es auch auf Rückreise. Abgesehen von Godelheim habe ich ja auch alle Halte besucht. Schade ist, dass das Kloster Corvey und natürlich Holzminden selbst nicht mit von der Partie waren. Aber wer weiß. Damals habe ich auch nicht gedacht, dass ich nochmal hier herkomme.
Mit der Egge-Bahn geht es nun zuerst zurück nach Paderborn, vorbei an Bad Driburg und Altenbeken, und dann mit dem Rhein-Hellweg-Express nach Soest. Mit Glück habe ich den erwischt - mit noch mehr Glück, wie sich hinterher herausstellt. Die eigentlich eingeplante Ems-Börde-Bahn nach Soest wird nämlich fünfzehn Minuten später kommen. Dann wäre die Hellwegbahn nach Unna weg. Alles hängt in einer Kette zusammen, doch heute ist es komischerweise alles nach Plan verlaufen.
Zu Hause lasse ich die Exkursion im ZuSi bequem noch einmal revue passieren. Ich schwinge mich auf den D-Zug von Altenbeken nach Ottbergen, gezogen von einer 216. Zurück geht´s mit dem 624er:

Abfahrt mit dem D-Zug (links) in Altenbeken Anno 1989 |

Im Sackbahnhofsbereich steht der VT 624 bereit |

Einfahrt in den Rehbergtunnel hinter Altenbeken |

Abzweig Langeland: ein Güterzug wird überholt |

Halt in Bad Driburg mit alter Bahnsteiglage |

Brakel: ebenfalls alte Bahnsteige. Markante Hausdachform |

Ottbergen - groß, schön, Leben... |

Irgendwo im Eggegebirge auf freier Strecke... |
Zusätzliche Informationen:
Die offizielle Homepage von ZuSi ist www.zusi.de . Hier gibt es weitere Infos, Screenshots und Möglichkeiten zum Bestellen.
Sebi on Tour - Demnächst vielleicht auch in Ihrer Nähe ;-)
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