
Nahverkehr in NRW: Teil 35 - RB 45: Der Coesfelder
Der Coesfelder ist eine nach einer Stadt benannte Regionalbahnlinie. Er verbindet Coesfeld im Münsterland mit Dorsten im Ruhrgebiet.
Die eingleisige und unelektrifizierte Strecke (KBS 424) wird stündlich von blau-gelb lackierten, zweiteiligen Talent (= Talbot leichter Niederflurtriebwagen) der NordWestBahn befahren. In Maria Veen findet die Zugkreuzung statt. Bei Recherchen über die Linie stößt man auf meh- rere Quellen, die eine möglich Stilllegung oder Ausdünnung der Linie beschreiben. Die Linie ist also in ihrer Existenz aktuell bedroht.
Geographisch gibt es nicht besonders viel zu erzählen zur Strecke. Sie beginnt im Herzen des Münsterlands in der Kreisstadt Coesfeld. In süd-südwestlicher Richtung wird das Münsterland langsam verlassen und etwa bei Dorsten das Ruhrgebiet erreicht. Hier stößt die Strecke auf den Wesel-Datteln-Kanal.
Für die etwa 30km lange Strecke benötigt der Triebwagen etwa 40 Minuten. Sowohl in Coesfeld Hbf als auch in Dorsten hat der Fahrgast von und zum Coesfelder sehr gute Anschlussmöglichkeiten in Richtung Enschede, Dortmund, Borken, Essen und Oberhausen.
Heute bietet sich mal ausnahmsweise eine alternative Beschreibung im Stil eines chronologischen Logbuchs an.
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11:51 Uhr. Ich komme soeben mit der Baumberge-Bahn aus Münster in Coesfeld an. Der Tag fing schon soweit gut an, dass morgens ein potenzieller Zubringerzug ausgefallen war, ein anderer Verspätung hatte und der dritte mir deshalb vor der Nase weggefahren ist. Und dann stelle ich auch noch fest, dass ich hätte eine Stunde länger schlafen können, weil der Coesfelder vormittags noch nicht im Stundentakt fährt. Laut meinem Plan müsste ich in Coesfeld 1 1/4 Stunde warten.Wer gut plant, den trifft der Zufall um so härter!

Der Coesfelder in Coesfeld
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Coesfeld Bahnhof
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12:03 Uhr. Im Bahnhof von Coesfeld hält heute nichts anderes als Talente der drei Bahngesellschaften Prignitzer Eisenbahn, NordWestBahn und Deutsche Bahn. Die Westmünsterland-Bahn der PEG steht bereit zur Abfahrt und wartet darauf, dass der Gegenzug die eingleisige Strecke nach Gronau räumt. Kurz danach verlässt die Baumberge-Bahn ebenfalls den Bahnhof in Richtung Münster. Jetzt steht hier nur noch ein blau-gelber, zweiteiliger Talent der NordWestBahn. Außer mir sind jetzt zwei weitere Fahrgäste im Zug, einer davon quatscht mit dem Lokführer, der spontan um 12:15 Uhr die Ausfahrt verpennt. Das Formsignal ist schon vor einer Minute aufgeschwungen.

Die Prignitzer fährt nach Enschede
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Zugkreuzung in Maria Veen - Warten auf den Gegenzug
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12:17 Uhr. Der Lokführer reißt sich los. Zwei Minuten später als Plan. Jetzt wird es hektisch: Motorstart 1, Motorstart 2. Licht an, Türen zu, Trittstufen rein, Klimaanlage an. Gasgeben, Bremse vergessen, Bremse lösen. Abfahrt. Es ist aber alles kein Problem, denn schon zehn Minuten später hat der Zug am nächsten Halt in Maria Veen vier Minuten planmäßigen Aufenthalt zum Warten auf den Gegenzug. Daher sei ihm vergeben. Hier kreuzen sich die Züge auf der eingleisigen Strecke. Ein größeres Grüppchen Schüler ist hier eingestiegen.

Wulfen Bahnsteig
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Bahnhof von Wulfen
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12:29 Uhr. Genau zum Zeigerschlag rollen wir an. Vorbei an Reken und Lembeck fahre ich bis Wulfen, wo wir vierzehn Minuten später ankommen. Der Bahnhof ist ein Haltepunkt geworden, das Empfangsgebäude ist verlassen. Ein Pluspunkt ersetzt den Schaltermenschen. Ein Bushaltestellenschild steht im Gebüsch und wächst langsam zu. Der letzte Bus muss hier vor langer Zeit gehalten haben.
13:14 Uhr. "Es fährt ein: Regionalbahn nach Coesfeld. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt!" Extra für mich - denn außer mir steht hier kein Mensch. Ich war vorhin auch der einzige, der ausgestiegen ist. Ganz hinten steht ein mechanisches Stellwerk für das Blocksignal hinter Wulfen. Ob von hier bei Bedarf Ansagen durchgeführt werden, wenn jemand sieht, dass hier Leute stehen? Woher sonst.

Renovierter Bahnhof Reken
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13:23 Uhr. Ich steige in Reken aus, genauer im Ortsteil mit dem Namen "Bahnhof Reken". Hier ist der Bahnhof vorbildlich renoviert und ein Speiserestaurant. Auf der Terrasse wird gerade die Herbstdekoration gepflanzt. Von hier führen ausgeschilderte Wanderwege durch das Münsterland. Benachbart finden sich bedachte Fahrradständer und eine Art Park zum flanieren. Da es hier erst in weiter Entfernung eine Brücke bzw. in anderer Richtung einen Bahnübergang gibt, wird in Richtung Wohngebiet auf der anderen Seite der Weg über das Gleis abgekürzt. Anhand des Größe des Trampelpfades durchs Gebüsch abgelesen, scheint das häufiger der Fall zu sein. Während ich am Bahnsteig stehe, klettern drei Leute über die Gleise und verschwinden im benachbarten Wald.
13:34 Uhr: Abfahrt von Reken. Eigentlich. Aber das geht schlecht, weil der Zug noch nicht kommt. Auch das BÜ-Überwachungssignal ganz hinten blinkt noch nicht. Da das aber für mich als Ruhrpott-Pendler normal ist, wundere ich mich nicht weiter.
13:40 Uhr. Die kleine Meute am Bahnsteig wird unruhig. "Was, so spät? So spät war der noch nie!" - die Leute sind hier echt nichts gewohnt, denke ich noch zu der Zeit. Spricht eigentlich für die NordWestBahn - die ewig pünktliche?
13:46 Uhr. Etwas mehr als zehn Minuten Verspätung. Und immer noch kein Anzeichen, dass der Zug sich nähert. Jemand fragt mich, ob man nicht irgendwo anrufen kann, ob der Zug noch kommt. Ich weise auf die blaue Infosäule 'um die Ecke', die noch keiner hier kennt, aber alsbald betätigt wird. Meine Wette, ob da einer am Ende überhaupt abnimmt, verliere ich. Eine nette Frau antwortet. "... laut meinen Informationen steht der Zug noch in Coesfeld mit einem Fahrzeugschaden!" - Falsch, denn eben springt der BÜ-Überwacher an. Ein Zug nähert sich. Unserer. Dum di dum. Eine größere Schulklasse belegt einen Teil des jetzt dreiteiligen Triebwagens. Die Stimmung ist gut. Ein paar Leute lassen sich von der Zugbegleiterin Verspätungsbescheinigungen ausstellen. Bis zu mir kommt sie nicht.
13:55 Uhr. Wieder halten wir in Wulfen. Schneller! Ich möchte meinen Anschluss in Dorsten nach Dortmund noch erreichen! Es wird sehr eng. Noch enger, weil der Zug einfach nicht abfährt. Rein rechnerisch wird es genau jetzt sogar unmöglich. Die magische Marke, in der die planmäßige Fahrtzeit mit gewisser sportlicher Fahrweise zum Ziel länger ist als der Puffer beim Umsteigen, ist überschritten.
13:57 Uhr. "Ähm... meine Damen und Herren, wegen eines Schadens am Fahrzeug kommen wir hier nicht mehr weiter. Die Weiterfahrt wird sich auf unbestimmte Zeit verzögern, ein Werkstattwagen ist angefordert". Klatschen und Jubel bei der Schulklasse, der Zugbegleiterin fällt der Block fast aus der Hand. Jetzt stehen wir hier in Wulfen. Hier war ich schonmal. Vor einer Stunde. Hätte ich das gewusst....!
14:16 Uhr: Noch immer stehen wir in Wulfen. Es hat sich fast nichts verändert. Nur die Motoren, Licht und Klimaanlage wurden ausgeschaltet. Der Lokführer läuft draußen mit Handy herum, einige Leute legen draußen eine Raucherpause ein. Dann kommt die Durchsage: "Uns wurde eben ein Tipp gegeben, dass hier von der Haltestelle in der Dorfmitte um 14:26 Uhr ein Bus nach Dorsten fahren soll. Da wir nicht wissen, wie lange wir noch brauchen, raten wir Ihnen, ..." Die Menge stürmt hinaus. Angesichts der Meute stelle ich die Frage in den Raum, ob die alle in einen Bus passen. Der Tf stimmt mir nachdenklich zu. In einer Kleingruppe (Lokführer, Zugbegleiterin, zwei weitere geduldige Fahrgäste und ich) redet man über den Defekt. "Es baut sich kein Druck auf." Heißt, dass die Bremsen nicht lösen. Hm. Doch hinterher? Kurzfristig mache auch ich die Biege und laufe der Menge hinterher, irgendwer scheint ja zu wissen, wo die Haltestelle ist. Unterwegs trifft man auf die Zugbegleiterin, die einzelnen Personen ihre Bescheinigungen über den Sachverhalt auf der Motorhaube eines fremden, geparkten Wagens ausstellt.
14:26 Uhr: An der kleinen Haltestelle in der Ortsmitte Wulfens kommt gerade vor mir der große Pulk von Menschen aus dem Zug an. Oje... Ein Blick auf den Fahrplan (den irgendwie noch keiner entdeckt, geschweige denn kontrolliert hat): 14:26 Uhr stimmt. Dreißig Minuten fährt der Bus bis Dorsten ZOB. Das bedeute eine Ankunft etwa um 15 Uhr. Um 15:06 fährt der nächste Zug nach Dortmund. Das wird schon wieder knapp...!
14:30 Uhr: Der Bus der Betriebsgesellschaft "Vestische" (mit scharfen V) kommt. Ich steh vorne am Bordstein und bin einer der ersten drinnen. "Nicht wundern, der Zug ist ausgefallen!", habe ich noch zum Busfahrer gesagt. "Ach du scheiße" war die gemurmelte Antwort. Es passen alle hinein. So gerade. Aber bequem wird es nicht. Ein Rollstuhlfahrer ist mit dabei. Vorbeifahrt an der Straße, die am Bahnhof endet. Man kann bis zum Bahnhof blicken und den Zug dort stehen....öh... wo ist der Zug? Der Zug ist weg! Sag jetzt nicht, ...! Aaaaaaaahh!
14:50 Uhr: Mit einigen sehr verwunderten unterwegs zugestiegenen Einheimischen, die quasi in der Tür stehen bleiben müssen ("Wat iss´n heute los?"), nähern wir uns ganz langsam Dorsten. 30-Zone. Eine Runde um den Friedhof. Nächste 30-Zone. Plötzlich taucht im Bus die Frage auf, ob sich der ZOB in Dorsten am Bahnhof befindet. Wieso, ist das nicht immer so? Ich lerne: selbstverständlich ist das nicht. Wer plant denn so etwas?! Im Bus weiß das keiner so genau, also muss man abwarten. Der Busfahrer meint, es sei nur eine kurze Strecke zu laufen. Hm. Wir halten inzwischen an fast jeder Haltestelle. Warum müssen eigentlich immer dann Leute mit großen Scheinen einsteigen, wenn man es eilig hat? Ob der Plan noch zu halten ist? Ich erinnere noch einmal: 15:06 Uhr fährt die Emschertal-Bahn nach Dortmund...
15:05 Uhr: Ankunft am ZOB - und: ja, er liegt direkt neben dem Bahnhof. Treppe runter, Treppe rauf. Nicht lange auf den Fahrplan schauen, der nächste blau-gelbe Zug wird anvisiert. Ja, "Dortmund Hbf" in der Zielanzeige. Stimmt. Rein - und weg.
Nur zur Prophylaxe: Die beiden Dorsten-Bilder stammen von der Emschertal-Bahn-Exkursion Tage später. Heute geht gar nichts mehr.

Dorsten - leider Tage später
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Emschertalbahn nach Dorsten
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15:07 Uhr: "Guten Taaag, darf ich Ihren Fahrausweis sehen?" - Genau! Es ist die Zugbegleiterin aus dem "Coesfelder", der in Wulfen liegen geblieben ist! "Ähh, wie sind Sie denn hier hin gekommen?" - "Ach, kurz, nachdem Sie alle weg waren, haben die Männer den Wagen wieder flott bekommen!" Na toll. "Dann haben Sie ja jetzt ganz viel Zeit zum Erholen von der Busfahrt!" Scherzkeks. Mein Ticket will sie übrigens nicht noch einmal sehen. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass ich das vorhin gezeigt hatte.
16:22 Uhr - Ich komme in Dortmund an. Von Erholung keine Spur. Im Gegenteil. Emschertal-Bahn als Transit-Strecke geht auf den Zeiger. Meine Nerven sind am Ende. Ich habe keine Lust mehr.
Irgendwie ist heute von Anfang an der Wurm drin. Zwei Zugausfälle, einmal sehr hohe Verpätung, zweimal Anschluss verpasst, einmal Busfahrt als Ersatz. Ja, das ist hier nichts besonderes. An sich ist das normal. Neu ist nur, dass die NWB einen Anteil daran hat. Trotzdem hoffe ich, dass den Anwohnern auch in Zukunft die Linie erhalten bleiben wird. Von der Auslastung her gibt es wesentlich schlechtere...
Sebi on Tour - Demnächst vielleicht auch in Ihrer Nähe ;-)
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