
Nahverkehr in NRW: Teil 57 - RB 96: Die Hellertal-Bahn
Von Herbst, Razzien, angriffslustigen Frauen, Bahnhofssuchern und Zweisamkeit mit dem Lokführer
Die Hellertal-Bahn ist eine von der Hellertalbahn GmbH betriebene Regionalbahnlinie, die in Südwestfalen Betzdorf mit Haiger bzw. Dillenburg verbindet. Besonderheit der Linie ist, dass der Anfangs- und Endpunkt in zwei verschiedenen Bundesländern liegen und der Mittelteil, der größte Abschnitt, eine Art Inselstrecke in Nordrhein-Westfalen bildet. In der folgenden Karte sind oben die lagetreue Linienführung der Hellertal- bahnstrecke und darunter schematisch die Haltestellenlage ohne Maßstab angegeben. Grüne Punkte sind Bedarfshalte, rote stillgelegte Halte.

1. Einleitung: Geographie und Geschichte
Die Strecke (Hellertalbahn) und die Bahnlinie (Hellertal-Bahn) sind benannt nach dem Flüsschen Heller, der als Nebenfluss von Würgendorf kommend bei Betzdorf in die Sieg fließt. Es handelt sich bei der Strecke um eine ehemals zweigleisige und heute eingleisige Hauptstrecke, über die einst der Verkehr zwischen Köln und Gießen geleitet wurde. Mit Lückenschluss der Dill-Strecke Siegen-Haiger 1915 durch die Fertigstellung eines neuen Tunnels wurde die Strecke jedoch weniger wichtig, so dass man sie sogar Ende der 1980er Jahre auf ein Gleis zurückbaute und Mitte der 1990er Jahre den Stilllegungsantrag stellte.
Doch wäre dieser wirklich vollzogen worden, würde man diesen Bericht hier wohl nicht lesen können. Buchstäblich in letzter Minute für diese Verbindung wurde das Regionalisierungsgesetz 1996 als Teil der Bahnreform umgesetzt, nach dem die Länder heute über die Bestellung von Leistungen auf der Schiene im Personenverkehr entscheiden. So wurde diese Strecke als eine der ersten öffentlich ausgeschrieben.
Eine Bietergemeinschaft zwischen Siegener Kreisbahn, Westerwaldbahn und Hessischer Landesbahn hat diese Ausschreibung gewonnen. Sie zusammen gründeten daraufhin am 27. September 1999 die Hellertalbahn GmbH, die damit in diesem Besuchsjahr vor wenigen Wochen ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert hat.
Die Hellertalbahn fährt auf der Strecke gewöhnlich mit eigenen Gelenktriebwagen GTW 2/6, die der DB-Baureihe 646 entsprechen (In NRW sind diese Triebwagen derzeit (2009) nur noch auf der RB 55 "Upland-Bahn" anzutreffen, die bekanntesten ihrer Art sind die blau-weißen Triebwagen der Usedomer Bäderbahn "UBB" mit ihrem markanten Wellenmuster an der Seite).
Diese Triebwagen bestehen aus drei Teilen, zwei "Steuerwagen" und einer in der Mitte befindlichen Motoreinheit. Ein Gang zwischen Schaltkästen verbindet die beiden Steuerwagen. Sie besitzen eine Toilette, ein Mehrzweckabteil und Fahrkartenautomaten in den Fluren.
Die Farbgebung ist grau-rot-gelb, wobei eine gelbe Sonne das Logo darstellt. Die Sitze sind grün und haben ein unregelmäßiges Muster mit Dekoelementen (Hintergrundbild dieser Seite; bei höherer Monitorauflösung ab 1280 × 1024 Pixeln sichtbar). Alle Sitze haben Armlehnen mit Holzauflage und Griffe, um sich stehend festzuhalten. Die Wagen sind mit Kameras überwacht, ebenso kann der Lokführer zum Beobachten des Einsteigevorgangs draußen Kameras ausfahren - oder einfach das Fenster öffnen...
Die Linie, die auf hessischem Gebiet übrigens als RB 41 fährt, verkehrt nur zwischen Betzdorf und Neunkirchen in einem Stundentakt, der Rest wird grundsätzlich zweistündig mit einigen Lücken und Füllungen im Schülerverkehr befahren. |

Durchgang in der Motoreinheit |

Innenraum eines HTB-GTW 2/6 im grünlichen Farbschema |

Außenansicht: Triebwagen der Hellertalbahn GmbH in Betzdorf |
Aus Richtung Haiger bzw. Dillenburg verkehren einige Umläufe nur bis Würgendorf oder Burbach, so dass Wahlbach - genau zwischen den zeitweisen Endstationen Neunkirchen (aus Richtung Betzdorf) und Burbach (aus Richtung Haiger) gelegen - der Haltepunkt mit der geringsten Zugdichte am Tag ist. Einige Buslinien verdichten aber Abschnittsweise den Takt parallel zur Strecke auf der Straße. Ein Großteil der Halte sind Bedarfshalte, bei denen der Zug grundsätzlich durchfährt, sofern kein Haltebedarf zum Ein- oder Aussteigen besteht. Die Halte Zeppenfeld und Wiederstein sind nach Angaben eines Lokführers wegen technischen Problemen an Einschaltkontakten von Bahnübergängen nach halbjähriger Nutzung stillgelegt worden. Eine Wiederinbetriebnahme würde allerdings angestrebt. Damit hat die Hellertalbahn 20 Haltestationen auf insgesamt 36 Kilometer - auf den NRW-relevanten Abschnitt Betzdorf-Haiger bezogen. Alle 1,8 Kilometer liegt statistisch ein Halt. Für NRW ein extrem überdurchschnittlicher Wert.
Die Linie der Hellertalbahn wird offiziell HTB abgekürzt, entsprechende Kürzel finden sich auch in den Zugnummern. Womit dann auch eine neue Abkürzung für die Hönnetalbahn gefunden werden muss...
2. Exkursion
Bisher war ich davon ausgegangen, dass diese Inselstrecke mit meinem NRW-Ticket nicht besuchbar ist. Schließlich liegen Anfang und Ende in anderen Bundesländern, wo der Fahrausweis eigentlich nicht gilt. Doch für den Abschnitt Siegen-Betzdorf-Au gibt es eine Transitregelung, die auch für den Abschnit Betzdorf-Struthütten der Hellertalbahn gilt. Es soll sogar eine Regelung für die benachbarte Daadetalbahn geben, die komplett in Rheinland-Pfalz liegt!
So wurde wieder einmal eine Exkursion geplant und einige Tage in der Schublade gelassen, bis das Wetter schön sonnig werden würde.
Um kurz vor halb Sechs Uhr ist die Nacht zu Ende. Heute ist der erste Tag der zweiten Jahreshälfte mit Minusgraden. Schlagartig ist der Sommer vorbei, viele Pflanzen draußen sind im blühenden Zustand erfroren. Man hört auf dem Weg zum Bahnhof dieses typische Geräusch von kratzenden und fluchenden Autofahrern, die nicht damit gerechnet hatten, dass es so frostig wird und keine vorbeugenden Maßnahmen getroffen haben. Lange nicht gehört. Bei einer Zugfahrt fällt das Kratzen wenigstens weg. Mit der Hönnetal-Bahn, also der bisherigen HTB, geht´s zunächst nach Fröndenberg, von dort direkt mit dem Sauerland-Express nach Hagen Hbf, von wo der Ruhr-Sieg-Express nach Siegen abfährt. Der Tag erwacht nur mit mäßiger Geschwindigkeit. Hier im Sauer- und Siegerland ist noch Nebelsuppe. Wo sich der Nebel aufgelöst hat, bedecken dicke Wolken den Himmel. Na wunderbar. Das hatte ich mir etwas anders vorgestellt, ist aber hinzunehmen.

Ersatzfahrzeug VT 628 der Westerwaldbahn auf der HTB |

Bahnhofsgebäude Betzdorf im Dezember 2008 |

Bahnsteige in Betzdorf, wo Hellertal- und Daadetalbahn abfahren |

Geparkter Triebwagen der Westerwaldbahn in Betzdorf |
Von Siegen mit der Sieg-Dill-Bahn nach Betzdorf mit Halt an jedem Hühnerstall. Der Regionalexpress RE9 nach Aachen, der fast eine Viertelstunde später von Siegen nach Betzdorf und durch die meisten Unterwegshalte fährt, kommt nur kurze Zeit später an.
Jetzt bin ich hier in Rheinland-Pfalz und auf die Richtigkeit der Angabe mit der Transitstrecke angewiesen - für den Notfall hatte ich den Zettel mit der Entsprechenden Sondergenehmigung mal ausgedruckt. Man weiß nie. NRW-Studenten-Ticket ist nicht automatisch NRW-Tarif.
Auch in Betzdorf ist das Wetter schlecht. Daadetalbahn und Hellertalbahn fahren parallel aus der östlichen Bahnhofseinfahrt ein. Beides mit 628er-Triebwagen. Auf beiden steht der Schriftzug "Daadetalbahn". Offenbar tauscht man sich auch mal aus, gerechnet hatte ich eigentlich mit den GTWs im schönen HTB-Look. Ob es an dem fehlenden Sonnen-Logo der Hellertalbahn liegt, dass sich unser Zentralgestirn nicht zeigt?
Fünf Leute sind im Zug, als wir mit etwas Verspätung losfahren. Davon ein Lokführer und eine Zugbegleiterin, die sofort nach Abfahrt nach den Tickets fragt. Außerdem fragt sie, wo ich denn aussteigen möchte. Gute Frage, wie heißt der Bahnhof noch.... Zwei, drei Blicke ins Zettelchaos. "Altenseelbach, warum?" ich habe schon die Befürchtung, dass es mit dem NRW-Tarif zusammenhängen könnte. "Ach, wir haben ein paar Minuten Verspätung. Wir können dann vielleicht an einigen Halten durchfahren!" Tatsache - mir war entfallen, dass es ja einige Bedarfshalte gibt und im 628er keine Stopp-Tasten vorhanden sind. Die beiden Mitfahrer von weiter vorne steigen bereits am nächsten Halt aus, jetzt sind wir zu dritt alleine. Die Quote des Service-Personals wird hier genau 2:1 erfüllt. Auf zwei Personen von der Bahn kommt ein Fahrgast. Irgendwann stelle ich mich in den Fahrradvorraum hinter den Führerstand, die Tür ist offen. In Herdorf, dem letzten Bahnhof vor der Landesgrenze, muss der Lokführer ein rotes Formsignal überfahren. Stellwerkstörung.
In Altenseelbach steige ich aus. Jetzt ist nur noch Personal im Zug. Und auch hier ist keine Menschenseele am Bahnsteig. In fünf Minuten kommt der Zug zurück, es ist einer dieser besonderen Zickzack-Takte. Er fährt nur bis Neunkirchen und dann wieder zurück nach Betzdorf. Dann von dort nur nach Haiger statt bis Dillenburg, um von dort nur bis Burbach statt bis Betzdorf zu fahren. Blickt hier noch ein Mensch durch?

Kleiner Bahnsteig Altenseelbach |

Paar Lampen, eine Wartehalle, Fahrplan am Mast - das war´s |

Gegenzug aus Neunkirchen fährt jetzt in Altenseelbach ein |

Hier ist es noch relativ ruhig... |
Von Altenseelbach lässt es sich schnell und einfach nach Neunkirchen (Siegerland) laufen. Inmitten eines kleinen Altstadtkerns steht etwas erhöht die markante Kirche des Ortes. Typischerweise sind hier viele Häuser mit Schiefer bedeckt und / oder sind Fachwerkhäuser. Im Gegensatz dazu bildet das kleine Rathaus einen hässlichen, funktionalen Flachdachbau.
Soo, und wo ist der Bahnhof Neunkirchen? Er ist einfach nicht ausgeschildert, aber ich erinnere mich an das Luftbild. In der Kartensoftware des Handys sind leider keine Bahnhöfe auf dieser Strecke eingetragen. Ich folge einfach der Richtung Schienen. Ein Schild weist von hier aus zum Haltepunkt Altenseelbach - dabei ist der Bahnhof doch viel näher! Ich folge naheliegenderweise der Bahnhofstraße Ortsauswärts.

Neunkirchens Altstadtkern an der Kirche |

Kirche von Neunkirchen (Sieg) |

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Rathaus der Stadt |
Irgendwann finde ich den Bahnhof Neunkirchen tatsächlich. Um zu ihm zu gelangen, muss man das Gelände einer Firma überqueren. Doch dabei verhindern Schilder mit der Aufschrift "Unbefugten ist das Betreten oder Befahren verboten!" das Erreichen des Bahnhofs.
Die Befugnis ist ja eigentlich in Form des Tickets dabei. Oder? Rein vom Gesetz her könnten die den Zugang verweigern oder mich vom Grundstück verweisen! Fliegen kann ich nicht auf den Bahnsteig - da kann man noch so viel von diesem Energy-Drink aus der Werbung trinken. Vom Bahnübergang entlang der Gleise gehe ich auch nicht, gerade als Bahnfan sollte man ja Vorbild sein. Also Augen zu und durch, den Zug muss ich kriegen. Nach Altenseelbach zu laufen ist von hier zu knapp für den nächsten Zug. Das kann aber auch nicht Sinn der Sache sein.
Der Bahnhof hat drei Gleise, zwei davon für den Personenverkehr. Ein Hausbahnsteig, ein Mittelbahnsteig - mit einem Bahnübergang verbunden. Im leicht heruntergekommenen Bahnhofsgebäude sitzt die Fahrdienstleiterin. Das muss ein spannender Job sein. Nur - wie kommt sie täglich zur Arbeit? Oder wurde sie hier schon geboren?

Bahnhofsgebäude Neunkirchen von der anderen Schienenseite |

Hellertalbahn aus Betzdorf fährt in Neunkirchen ein |

Da winkt einer...! Hellertal-Bahn in Neunkirchen |

Bahnhofsgebäude Neunkirchen von der Straßenseite aus |
Ich habe die Kamera inzwischen in die Tasche gepackt und warte am Bahnsteig auf dem Zug - noch zehn Minuten -, da klingelt mein Mobiltelefon. Ich bin vertieft ins Gespräch, kurz darauf kommen aus dem Nichts ein Mann und eine Frau direkt auf mich zu und bleiben direkt vor mir stehen, die Frau irgendwie böse dreinblickend, der Mann Im respektvollen Abstand dahinter. Hmm... was ist denn jetzt los? Ich lasse mich erstmal nicht ablenken, erkläre noch einem Mitstudenten, wo er eine bestimmte Funktion im neuen Office-Word findet, lege nach erfolgreicher Erläuterung schließlich auf und packe das Mobiltelefon in die Tasche.
Und was passiert jetzt? Ich bin gespannt.
"Warten Sie auf den Zug?"
"Ja, warum?"
"Könnten Sie bitte einen Schritt (!) weiter nach rechts gehen, hier ist Privatgrundstück!"
Dabei deutet sie auf einen stark verblichenen, weißen Strich am Boden, der senkrecht von der Bahnsteigkante auf den Vorplatz verläuft. Ein Verbotsschild ist jedoch weit entfernt. Ich bin zwar leicht fassungslos wegen der Knauserei, aber ich gehe brav einen Schritt nach vorne. Sie läuft mit dem Mann quer über die Schienen auf die andere Seite. Dafür warten die so lange, bis ich telefoniert habe?! Und dann über die Schienen. Soviel zum Thema Korrektheit. Drei mal 25 Euro macht 75 Taler pro Kopf. Leider ist keine Bundespolizei da. Und die Fahrdienstleiterin guckt auch nur zu. Woanders gibt´s strenge Durchsagen.
Doch damit ist die Story längst nicht zu Ende. Ich packe die Kamera wieder aus, weil in fünf Minuten der Zug kommt. Inzwischen lockert sich die Bewölkung auf und ich teste ein wenig mit der veränderten Belichtungssituation. Das Paar kommt zurück - natürlich auf dem kürzesten Wege über die Gleise. Das könnte hier zu einer lohnenden Einnahmequelle werden. Da ich jetzt nicht mehr auf dem Grund und Boden der Firma stehe, passiert auch nicht sehr viel. |
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Aber es knistert im Gebälk. Sie bleiben in einigen Metern Entfernung stehen, sprechen leise miteinander. Dann klopft die Frau an ein Fenster des benachbarten Firmengebäudes, es wird geöffnet und man unterhält sich. Man hört zwar nichts, aber Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich Thema der Unterhaltung bin. Das Fenster geht wieder zu und zehn Sekunden später geht eine Tür auf und eine andere Frau kommt direkt auf mich zu. Ich sehe es im Augenwinkel, da ich - die Bahnhofseinfahrt beobachtend - halb mit dem Rücken zu dem Grüppchen stehe.
"Zu wem gehören Sie?" Kein Gruß und nichts. Wie vorhin.
"Watt?" Ich gebe zu, es heißt 'wie bitte'. Aber ich bin perplex.
"Na, ich habe mich doch klar ausgedrückt. Wem gehören Sie?"
"Wie jetzt....zu wem? Ich gehöre keinem!"
"Für welchen Verlag arbeiten Sie!!" Die Frage geht in einen Befehl über.
"Für gar keinen Verlag. Wie kommen Sie darauf?" - Aha, Kamera, Fotos, Verlag. Alles klar.
"Ich will wissen, für wen Sie die Fotos machen!!"
"Ich fotografiere Bahnhöfe und Züge."
"Ja, klar!"
"... und außer Neunkirchen mache ich heute noch einige andere Orte an der Hellertalbahn!"
"Wissen Sie was?! Sie sind ein gaaanz schlechter Lügner. Und ein noch schlechterer Journalist!!!"
Seh ich wirklich aus wie ein Undercover-Journalist? Das war ja dann fast ein Lob.
"Ach, schauen Sie doch hier, die Internetadresse auf meiner Tasche. Da kommen die Fotos hin. Für Eisenbahnfans wie mich."
Es ist mühsam. Die Frau vom Anfang nähert sich wieder. Hoffentlich kommt bald der Zug - langsam wirds ungemütlich. Immerhin haben die das mit den Fotos jetzt verstanden, zweifeln aber noch.
"Bleiben Sie bloß hinter der Linie stehen!! Auf unserem Grundstück haben Sie nichts zu suchen."
Und was, wenn heute kein Zug mehr fährt?
"Wenn Sie sich schon so genau nehmen, dann sollten Sie oder Ihre Kollegin vielleicht nicht mehr über die Gleise laufen. Das kann nämlich..."
"Jetzt reicht´s mir aber!!!" - die Frau von vorhin meldet sich und kommt noch näher.
"... teuer für Sie......"
"Na los!!! Zeigen Sie mich doch an!"
"Pffff. Das war nur ein gutgemeinter..."
"Sie haben mir gar nichts zu sagen!!" und kommt bedrohlich in schnellen Schritten auf mich zu, wird von dem Mann aber festgehalten. Der hat sich bisher zurückgehalten. Frau Fahrdienstleiterin schaut auch schon aus dem Fenster zu.
Die zweite Frau, die vorhin mit der Fragerei angefangen hatte, mischt sich wieder ein.
"Jetzt werden Sie mal ruhiger!!"
"....?!" Der einzige, der hier ruhig ist, bin ich. Ruhepuls. Bei den Frauen ist er bei 180. Das Blut kocht.
Die Schienen knirschen leise - inzwischen erscheint endlich der Zug in der Kurve, ich wende mich einfach ab und mache das, wofür ich hier bin.
Ich habe natürlich, was ich bisher nicht erwähnt habe, vor dem Bahnhof die beiden Autos vom Zoll nicht übersehen. Kann es sein, dass ich hier einfach zur falschen Zeit am falschen Ort bin? Hat da eventuell jemand Angst, von einer Razzia könnte was in der Presse stehen? Fairerweise nenne ich auch mal keinen Namen.
Eine entsprechende E-Mail Anfrage bei der Hellertalbahn GmbH brachte die Antwort, dass das Problem mit dem Wegerecht bekannt sei, aber es schön sei, nochmal davon zu erfahren. Die entsprechende Anmerkung würde an das Bahnhofsmanagement und das Ordnungsamt geleitet. Wo diese vermutlich jeweils im Spamordner landet. Eine zweite, selbständig geschriebene Stellungnahme durch die Hellertalbahn nach zufälligem Finden dieses Artikels Monate später zeigt, dass man wohl tatsächlich an einer Problemlösung arbeitet.
Der Zug fährt soweit durch, dass ich leider über den Firmengrund laufen muss, wenn ich nicht auf der Bahnsteigkante balancieren möchte. Wieder mal ein VT 628 - der gleiche wie vorhin und genau so leer.

Letzter Halt in NRW: Hellertal-Bahn in Niederdresselndorf |

Ein kleiner, in der kurve liegender Haltepunkt |

Der Ort ist dörflich geprägt |

Das nächste ist die Grenze - hier komme ich nicht weiter. |
Ich bin mal wieder der einzige im Zug - die Zugbegleiterin ist nicht mehr dabei, dafür aber der Lokführer von vorhin. Die Tür steht wieder offen. Man erkennt sich wieder. "Sind wir die einzigen?" - "Japp. Wo möchtest du aussteigen?" Es entstehen einige Bedenken, ob sich die Verbindung wirklich lohnt. Der Lokführer bestätigt aber, dass außerhalb der Herbstferien, in der diese Exkursion ja zufälligerweise stattfindet, die Züge sehr viel voller seien, manchmal sogar rappelvoll im Schülerverkehr. Üblicherweise beachtet man offenbar auch die Bedarfshaltregelung gar nicht mehr und hält überall - die Fahrtzeiten dafür sind recht gut ausgelegt. Im GTW gäbe es, wie im Daadetalbahn-628er auch, keine Stopp-Tasten. So sind Durchfahrten eher die Ausnahme und wohl nur bei Verspätungen genutzt. Die Eindrücke der Exkursion sind demnach nicht repräsentativ.
Ich lehne am Türrahmen und man unterhält sich über dies und das zur Strecke. So erfährt man beispielsweise, dass zwei von drei Gelenktriebwagen der HTB defekt seien und die daher von der Daadetalbahn unkompliziert ausgeliehen würden. Im Augenwinkel hatte ich vorhin in Neunkirchen den kreuzenden Zug als GTW wahrgenommen.
Es geht über den höchsten Punkt an der Wasserscheide bei Würgendorf bis nach Niederdresselndorf. Es ist der letzte Halt vor der Landesgrenze und weiter darf ich nicht (dem Lokführer wäre es übrigens egal, ob ich mit Ticket weiter mitfahren würde oder nicht, aber meine Routen sind ja durchgeplant). In drei Halten ist Haiger erreicht, nur sechs Kilometer von hier liegt der Bahnhof der Stadt in Hessen, von dem man auch bequem mit RE 9 bzw 99 oder RB 95 nach Siegen fahren könnte. Nach einem kurzen Loch schieben sich die Wolken nach Abfahrt des Zuges wieder zusammen zu einer undurchdringlich dicken Schicht. Es ist dunkel, es ist kalt. Für Bahnfotos die schlechteste Stimmung, die man haben kann. Regen fehlt eigentlich noch, bzw. fast schon Schnee bei der Temperatur. Viel über Null ist es nicht. Eis auf Blumen konnte man heute in den höchsten Lagen schon sehen. Ein starker Nordwind macht´s möglich um diese Jahreszeit.
Eine halbe Stunde habe ich in diesem düsteren Dorf totzuschlagen. Dann kommt der Bus. Er hat zwar die richtige Zielanzeige, aber die falsche Nummer. Auch dieser Bus ist bis auf die Fahrerin total leer. Mit ihm fahre ich - mit Schlenker nach Lützeln, wo zwei Leutchen aufgegabelt werden - nach Holzhausen. Im Grunde sind es nur zwei Kilometer zu laufen, aber wenn der Bus eh fährt...! Der Bus hat keinerlei Anzeigen über die nächste Haltestelle, eine akustische Nennung oder eine Durchsage durch die Fahrerin gibt es auch nicht. So muss man mit Adlerauge schauen, was auf dem Schild an der Bushaltestelle für ein Name steht. Manchmal findet man in den Fahrplänen Übersichten über alle Haltestellen der Linie, mit Hilfe derer man sich die Station vor dem eigentlichen Ausstiegsort merken und dann bereithalten kann. Gibt es hier allerdings nicht. Die Haltestelle heißt Holzhausen Ort, ist die dritte in diesem Ort und liegt nicht am Bahnhof. Den muss man sich suchen. Mangels Schilder und ohne genaue Einzeichnung in der Karte muss ich mich durchfragen.

Holzhausen: Ein Haltepunkt an ehemals zweigleisiger Strecke |

Der zweite Bahnsteig exisitiert sogar noch |

Der Halt liegt am Rande des Dorfes Holzhausen |

Schöne Landschaft im leichten "indian summer" |
Auch wenn man grob weiß, wo er ist, ist es eine Kunst, den Haltepunkt zu finden. Man muss durch einen Tunnel unter den Schienen hindurch und dann einem Feldweg nach links folgen. Und dann, wenn man Lampen und das Wartehaus schon sieht, steht in der Wiese ein Schild, welches zum Bahnhof weist. "Bahnsteig Richtung Haiger". Und wer fremd ist, nach Betzdorf möchte und die Schilder ernst nimmt?
Der Halt ist nicht uninteressant. Es sind noch Relikte vom Rückbau sichtbar. Gegenüber liegt ein Überrest des toten Bahnsteigs sowie ein Wartehaus. Alles zugewachsen und kaputt, aber noch existent. Also so ähnlich wie in Herne-Börnig an der Emschertalbahn...
Es ist mal wieder mein Lokführer, der mit seinem 628er ankommt. Aus Dillenburg kommend nach Burbach. Mit der Zielanzeige "Würgendorf". Hä? Er grüßt schon von weitem, ich geselle mich wieder dazu und setzen im Gespräch an, wo wir aufgehört haben. "Burbach" ließe sich nicht in die Zielanzeige einstellen. Und Würgendorf sei ja da irgendwie in der Ecke. Ich dachte, dass man die Eingaben auch manuell vornehmen kann. Offenbar nicht. Bis Burbach komme ich wieder mit - da ist die Zugfahrt eh zu Ende. Der Lichtblick ist, dass bald ein Stundentakt eingeführt werden soll, wie der Lokführer sagt. Immerhin. Eine Handvoll Leute steigen mit mir hier aus. Und das soll die Trassenkosten decken?

Bahnhof Burbach mit Hellertal-Bahn nach Haiger |

... die alsbald aus dem Bahnhof fährt |

Auch in Burbach gibt es viel kunstvoll vernagelten Schiefer |

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Burbach ist eine kleine Gemeinde, die man vor allem aus den Staumeldungen im Radio kennt, wenn in Höhe der Autobahn-Abfahrt Haiger / Burbach auf der A45 mal wieder dichtes Verkehrsaufkommen ist. Der Ort hat einen Bahnhof, von dem der Bereich zum Rangieren jedoch größtenteils zugewachsen oder abgerissen ist. Es gibt ein Bahnhofsgebäude, in dem zur Zeit gebaut wird. Hier sitzt ähnlich wie in Neunkirchen ein Fahrdienstleiter. Auf dem Bahnsteig steht ein roter Pluspunktwürfel.
Die Zielanzeige wechselt wieder auf "Haiger" und schon kurze Zeit später rollt der Triebwagen zurück nach Hessen. Der Himmel ist zwar immer noch dunkel, aber gaaanz langsam brechen einige Ränder auf, durch die einzelne Sonnenstrahlen durchkommen. Noch ist Hoffnung, dass die Exkursion nicht ganz in die Geschichte der schlechtesten Ausflüge eingeht. Von der nahegelegenen Haltestelle Burbach Post bringt mich der Bus - auch mit falscher Liniennummer - ins zwei Kilometer entfernte Wahlbach. Mit einer anderen Person außer dem Fahrer.
Zwanzig Minuten habe ich Zeit, den kleinen Haltepunkt am Ortsrand zu finden, von dem ich allerdings nur ungefähr weiß, wo er denn liegt. Schilder finde ich keine, mal wieder muss auf Passanten zurückgegriffen werden. In diesem Falle mehrere, da die ersten Angesprochenen nicht mal wissen, dass hier der Zug überhaupt noch hält. "Doch doch, das weiß ich ganz sicher, ich habe ja sogar die Abfahrtszeit aufgeschrieben!" - "Ach, das wäre mir aber neu...." Ich habe das Gefühl, dass hier insgesamt Wissen über und Nutzen des Nahverkehrs sehr dürftig sind.

Wahlbach, ein kleiner, beschaulicher Ort |

Haltepunkt mit durch Übergang geteilten Bahnsteig |

auffälliges Haus am Bahnsteig Richtung Haiger |

Daadetalbahn-VT am Bahnsteig Richtung Betzdorf |
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Der Haltepunkt besteht aus zwei Bahnsteigen, die durch einen kleinen Bahnübergang geteilt werden. Gehalten wird jeweils hinter dem Übergang. Hier sehe ich zum letzten Mal heute den Lokführer, aber ich fahre mit dem Zug nach Betzdorf nicht mit, sondern nehme den Gegenzug in Richtung Haiger. Beide Züge kreuzen sich in Neunkirchen. Nunja, da muss ich heute nicht noch einmal unbedingt hin. Nach der Rechnung müsste das endlich einmal der GTW sein - und richtig, er ist es. Eine Premiere für mich. Ein schönes Fahrzeug, sehr leise beim Beschleunigen, wenn auch schon leicht abgenutzt im Innern. Immerhin ist der Zug jetzt deutlich gefüllter.

Gelenktriebwagen der Hellertalbahn in Würgendorf Ort |

Haltepunkt von Würgendorf Ort, Bahnsteig Richtung Haiger |

Und der Bahnsteig Richtung Betzdorf. Minimalausstattung. |

GTW 2/6 der Hellertalbahn |
Das Vergnügen währt leider nur kurz. Zwei Halte weiter steige ich in Würgendorf Ort aus. Es handelt sich dabei ebenfalls um einen durch einen Übergang zweigeteilten Haltepunkt mit Minimalausstattung - einseitige Wartehalle, vier Lampen - je Bahnsteig zwei, Zaun. Muss reichen.
Mit dem Bus soll es einen Halt weitergehen zum Bahnhof Würgendorf. Man könnte auch laufen, aber so viel Zeit habe ich nicht. Es ist recht günstig, dass ein Bus kurz nach Ankunft des Zuges fährt. Aber wo ist die Haltestelle? Wie der Haltepunkt soll auch sie "Würgendorf Ort" heißen, aber dass die nicht am Bahnhof liegt, damit habe ich schon gerechnet. Also zu Fuß in Richtung Ortsmitte. An der Hauptstraße Blick nach links und rechts - wo ist die verdammte Haltestelle? In östlicher Richtung erkennt man Ansätze einer Haltebucht für Busse, aber kein Schild. Oder? Schätzungsweise 200 Meter, dann ist es klar, dass ich richtig gesehen habe. Und keine zwei Minuten später kommt schon der Anschluss.
Der Bus ist pünktlich und hat wiedermal die falsche Linie im Display stehen - das Fahrtziel stimmt allerdings. Bin eigentlich ich doof und kann die Pläne nicht lesen oder doch die Software (oder der Busfahrer)? Jedenfalls bin ich mal wieder der einzige Fahrgast. Wiedermal gibt es keine Informationen im Bus, welches die nächste Haltestelle ist. Das Haltestellenschild steht verdeckt - gerade noch rechtzeitig kann ich meinen Haltewunsch mit Hilfe der Stopp-Taste anmelden. Ich liebe es immer wieder.

Bahnhof Würgendorf an der Wasserscheide |

Kleines Bahnhofsgebäude und zwei Bahnsteige |

Die Anlage ist in einer Kurve gebaut |

Weitwinkelfoto des Bahnhofsgebäudes |

Rangierfahrt zu Dynamit Nobel |

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Es ist nur wenig mehr als einen Kilometer nach Osten zu fahren. Im Ortsteil Wasserscheide ist nicht nur der höchste Punkt der Strecke, hier ist ein kleiner Bahnhof angelegt. Wieder gibt es keine Schilder, die zum Bahnhof weisen, aber der erste Versuch durch eine kleine Allee in ungefährer Richtung der Bahngleise ist ein Treffer. So groß ist der Ort auch nicht. Es gibt hier tatsächlich eine Wasserscheide, die mit der westlich abfließenden Heller und dem östlich abfließenden Haigerbach die Einzugsgebiete der Sieg mit der Lahn teilt. Da beide Flüsse in den Rhein münden, ist es eine Wasserscheide von nur lokaler Bedeutung.
Auch hier im Bahnhof sitzt eine Fahrdienstleiterin. Das Besondere an diesem Ort ist das Unternehmen Dynamit Nobel Defence, in dem Wehrtechnik produziert wird. An der Bahnhofsausfahrt verläuft die Strecke über wenige hundert Meter bereits über hessisches Hoheitsgebiet.
Nun heißt es langsam aber sicher Abschied von der Hellertalbahn zu nehmen - dabei ist das Wetter plötzlich so gut geworden. So wie angekündigt. Von der Wasserscheide fährt der Schnellbus SB4 nach Siegen. Erst konnte ich bei der Planung nicht glauben, dass er nur knapp 25 Minuten zum Siegener ZOB am Bahnhof benötigt - aber er fährt schlicht und einfach ohne Halt bis zum Siegener Leimbachstadion über die A45. Mit 70 Stundenkilometern über die Autobahn, die "Sauerlandlinie" heißt. Ein Begriff, den außer der WDR2-Moderator Matthias Bongard allerdings kaum einer verwendet. Die Auffahrt auf die Autobahn liegt in Hessen, alsbald taucht hinter einer Talbrücke das im Gegensatz zur hessischen Abschieds-Variante wenig künstlerisch gestaltete Willkommensschild von NRW auf. Übrigens ist auch dieser Bus recht leer, mit mir war noch eine weitere Person in den Schnellbus eingestiegen. Mit dem Busfahrer sind es drei. Bei einem Verbrauch von ca. 40 bis 50 Litern Diesel auf hundert Kilometern (vermutlich durch Vollgas auf der Autobahn eher mehr) macht das bei der Strecke von fast 25 Kilometern etwa 10 Liter Verbrauch, pro Fahrgast also 5 Liter Diesel. Das muss sich auch erst einmal rentieren auf der Strecke. Aber ich sag´ schon nichts mehr. Übrigens hat dieser Bus ein Informationssystem an Bord. Hier hätte ich es ausnahmsweise nicht gebraucht, da ich eh bis zur Endstation mitfahre. Und den Bahnhof Siegen erkenne ich schon noch.
Der RE 16 nach Essen ist zwar gerade abgefahren, aber in einer halben Stunde kommt die Regionalbahn nach Hagen. Die hält zwar unterwegs ein paar mal mehr, aber mit einem dicken Buch im Rucksack lässt sich das ganz gut aushalten...
Zusatzinformationen:
Sebi on Tour - demnächst vielleicht auch in Ihrer Nähe ;-)
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