
Nahverkehr in NRW: Teil 18 - RB 75: Haller Willem
Der "Haller Willem" ist eine länderübergreifende Regionalbahnlinie und eine Bahnstrecke zwischen Bielefeld und Osnabrück in Niedersachsen.
Der Haller Willem ist eine Erfolgsgeschichte in Sachen Strecken- reaktivierung. 1984 wurde die 1886 eröffnete Strecke zwischen Bad Rothenfelde und Osnabrück, also dem Abschnitt auf dem Landesgebiet von Niedersachsen (grauer Abschnitt in der nebenstehenden Streckenkarte), stillgelegt. Dies geschah insbesondere durch die zunehmende Konkurrenz des Autos gegenüber der Schiene. Seitdem fuhren die Züge von Bielefeld nur noch bis Bad Rothenfelde. Anfang der 1990er Jahre sollte dann auch der Güterverkehr auf diesem Teilstück eingestellt und die Schienen-Infrastruktur abgerissen werden.
Dank der medienwirksamen Aktionen einer Bürgerinitiative wurde die Strecke schließlich vom Land Niedersachsen gepachtet, grundlegend saniert und am 12.06.2005 reaktiviert. Seitdem fahren die Triebwagen von Bielefeld aus wieder auf der eingleisigen und unelektrifizierten Nebenbahn durch bis zum Osnabrücker Hauptbahnhof.
Befahren wird die Strecke heute im Stundentakt, der zwischen Halle und Bielefeld ab Mittags zum Halbstundentakt verdichtet wird. |
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Seit der Reaktivierung sind die Fahrgastzahlen stark angestiegen. Neben dem Schülerverkehr sind vor allem Radtouristen ein wichtiges Standbein des Haller Willem geworden. Befahren wird die Linie RB 75 heute von der NordWestBahn (NWB), die mit gelb-blauen TALENT (=Talbot Leichter Niederflurtriebwagen) zwischen Bielefeld und Osnabrück pendelt.
Den ungewöhnlichen Namen hat der Haller Willem vom Kutscher Wilhelm Stuckemeyer bekommen, der bei der Bevölkerung mit den Spitznamen "Haller Willem" bekannt war. Nachdem seine Kutschfahrten durch die Eisenbahn unnötig wurden, bekam der Zug den Namen übertragen. Für ausführliche Informationen zur Historie sollten Sie die Internetseite der Bürgerinitiative zur Reaktivierung des Haller Willem besuchen (Link unten).
Prolog: Die Geographie:
Ein Streckenende beginnt in Bielefeld nördlich des Teutoburger Waldes. Das schmale, aber langgezogene Gebirge wird noch auf dem Stadtgebiet durch die Hauptstrecke Minden-Hamm durchschnitten. Bei Brackwede zweigt der Haller Willem nach Nordwest ab, um etwa bis zur Landesgrenze am Südwestrand des Teutoburger Waldes entlang zu laufen. Bei Hilter steigt die Strecke an und quert kurvenreich den Höhenzug, um das Tecklenburger Land und Osnabrück zu erreichen.
Betrachtet wird nur der Teil auf Nordrhein-Westfälischem Hoheitsgebiet, was bedeutet, dass in Westbartshausen Endstation ist, da dies der letzte Halt auf Boden des Bundeslandes ist. Dies entspricht zugleich in etwa dem Transportweg (Halle - Brackwede) des Fuhrmanns Wilhelm Stuckemeyer aus Halle, dem Namensgeber der Strecke.
Exkursion:
Es wird ein heißer Sommertag werden und einige der Menschen, denen ich von der bevorstehenden Fahrt erzählte, rieten mir ab, heute zu fahren. Dabei ist die Fahrt zum bzw. mit dem Haller Willem eine der wenigen Exkursionen, bei denen man sogar "ausschlafen" kann. Heute reicht es, um halb zehn das Haus zu verlassen. Erst ab elf Uhr wird der Haller Willem nämlich zum Halbstundentakt zwischen Halle und Bielefeld verdichtet.
Von Unna geht es mit dem RE 13 "Maas-Wupper-Express" bis Hamm, von dort mit dem Quietschie der RB69 "Ems-Börde-Bahn" bis nach Brackwede - ganz kurz vor Bielefeld und schon auf dem Stadtgebiet gelegen. Ich teile den Vierer mit einer kleinen Gruppe von Studenten, die nach Bielefeld fahren. Während ich versuche, die letzten Rätsel meiner Zeitschrift zu lösen, macht man sich über die kleinen Halte an der Strecke lustig. Insbesondere Isselhorst-Avenwedde hat es den Mitfahrern angetan. "Affenwette! Hihihi...". Langsam nähert sich der Zug dem Ausgangspunkt der eigentlichen Fahrt. "Nächster Halt: Brackwede." - "Was halten wir denn da? Da steigt doch kein Schwein aus." Auf den Moment habe ich gewartet. Ich packe meine Rätselzeitschrift zusammen und stehe auf. "Doch. Ich!"

Die alte Ems-Börde-Bahn der Linie RB 69 in Brackwede
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Empfangsgebäude und erster Inselbahnsteig
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Bahnhofsgebäude von der Straßenseite aus |

Gegenzug der Ems-Börde-Bahn fährt in Brackwede ein |

Der Haller Willem erreicht.... nun ja. Steht ja dort. |

Bahnhofsgebäude von der anderen Richtung mit Bahnsteigzugang |
Dort habe ich etwa eine halbe Stunde Aufenthalt. Würde es schon jetzt den Halbstundentakt geben, hätte ich durch fünf Minuten Verspätung der Ems-Börde-Bahn direkt meinen Anschluss verpasst - normalerweise besteht nämlich theoretischer Umstieg mit etwa drei Minuten Zeit. Die Außentemperatur ist inzwischen auf über 30°C im Schatten gestiegen, aus Spaß hatte ich mir vorher noch ein kleines Thermometer eingepackt, welches nun im Schatten unter einer Klappe am Rucksack baumelt. Auf den Bahnsteigen in Brackwede kann man es nur schwer aushalten. Ein heißer Wind fegt über das große Gleisfeld. Der Asphalt der Bahnsteige strahlt von unten zusätzliche Hitze ab. Ein großer Backofen.
Ich bin froh, als der gelb-blaue TALENT am Horizont auftaucht und ich alsbald in den klimatisierten Triebwagen einsteigen kann. Die Quecksilbersäule am Rucksack sinkt spontan von 33 auf 26°C. Den ersten Halt in Quelle-Kupferheide lasse ich aus. Es ist ein einfacher aber moderner Halt mit Pluspunkt, taktilen Streifen sowie neuer Pflasterung. Ich fahre weiter bis Quelle, dem ersten Kreuzungsbahnhof auf der Strecke

Der Haller Willem in Quelle am Nordbahnsteig |

Man wartet auf den Gegenzug aus Richtung Osnabrück |

Bahnhofsgebäude von Quelle. Nicht mehr schön aber zweckmäßig |

Hinten führt das Überholgleis am Bahnsteig vorbei |
Der Bahnhof Quelle ist etwas ungewöhnlich angelegt. Es ist ein Kreuzungsbahnhof. Dennoch liegen die Bahnsteige nicht nebeneinander, sondern hintereinander am selben Gleis. Der nördliche Bahnsteig, an dem die Züge nach Osnabrück halten, hat dafür ein Umfahrgleis. Das heißt, dass, wenn ein Zug aus Osnabrück früher als der Gegenzug kommt, muss dieser auf dem Umfahrgleis neben dem Bahnsteig warten. Erst, wenn der Gegenzug wieder raus ist, kann der an seinen Bahnsteig hinter dem anderen fahren. Ein wenig kompliziert also. Immerhin gibt es hier einen "Strippenzieher", also ein mechanisches Stellwerk, in dem die Weichen und Formsignale gesteuert werden.
Auch die Bahnsteige im Bahnhof Quelle sind modernisiert, gepflastert mit taktilem Streifen und Mini-Pluspunkt. Der Gegenzug erscheint, ich steige in meinen wieder ein. Kurz darauf geht es weiter.

Steinhagen Bahnhof
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Das unter durstigen Gräsern bedeckte Gütergelände
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Teil des Bahnhofsgebäudes |

Haller Willem verlässt Steinhagen Richtung Osnabrück |

Bahnhof Steinhagen in voller Schönheit |

Haller Willem vor der Kulisse des Teutoburger Waldes (M) |
Ich fahre weiter bis Steinhagen. Auch hier gibt es einen Fahrdienstleiter, obwohl hier im Normalbetrieb keine Weichen zu steuern sind. Dafür findet sich hier ein Fahrkartenverkauf im Bahnhofsgebäude, außerdem eine kleine Gaststätte. Der Güterbahnhof ist unter einer dichten Gräserschicht vergraben, die Halme biegen sich im heißen Wind.
Mit dem Taktverstärker soll es bis nach Halle weitergehen. In Steinhagen spricht mich ein jüngerer "Mensch mit Migtationshintergrund", wie es so schön heißt, an: "Mochstu Hobby oder was?!" - "Bist du schon 18?" - "Ey, verarsch misch nich! Ich hätt disch höchstens of 18 geschätzt!"
Der Kollege beschwert sich, dass die NWB immer zu spät käme. Ich seh im Augenwinkel, wie sich weiter hinten schon die Schranken schließen. "Wieso, der Zug kommt doch schon." - "Alter, woran siehste das denn?" Er will auch bis Halle - wie ich - und schließt sich erstmal auf der Toilette ein. Nunja. Wer kein Ticket besitzt, sollte sich nicht über Verspätungen beschweren. Aber tatsächlich hat der Zug schon fünf Minuten auf der Waage. Apropos Tickets: Es gibt zwar Ticketautomaten an der Strecke, dennoch kann man sich das auch bequem im Zug kaufen.

Bahnhof Halle (Westfalen)
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Und das schicke Formsignal in Minibauart
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Haller Willem-Taktverdichter nach Bielefeld Hbf |

Die Radstation von Halle im Fachwerkschuppen |
Vor Halle kommt noch der Haltepunkt Künsebeck, ein modernisierter Standardhalt mit Pluspunkt mitten im Wohngebiet. In Halle (Westfalen) setzt sich mein Triebwagen aufs Nebengleis. Wie gesagt, endet die Linie halbstündlich in Halle. Endlich traut sich auch wieder der in Steinhagen mit mir Eingestiegene aus der Zugtoilette.
Es ist ein moderner Bahnhof mit Formsignalen, davon eine Mini-Variante auf dem westlichen Bahnsteig. Im Empfangsgebäude findet sich das Eiscafé "Stazione" und der alte Fachwerk-Güterschuppen ist eine Radstation.
Halle ist eine ehemalige Kreisstadt mit etwas mehr als 20.000 Einwohnern und als Pendant zur gleichnamigen Stadt an der Saale eher klein. Bekannt ist die Stadt für den Firmensitz des Modeunternehmens "Gerry Weber". Nach ihm ist auch eine Multifunktionsarena außerhalb der Stadt benannt. An eben diesem "Gerry-Weber-Stadion" liegt ein weiterer Haltepunkt des Haller Willem, der zu Fuß vom "Hauptbahnhof" aus erreicht werden kann. Das Gerry-Weber-Stadion ist eine kleine Ausgabe der Arena auf Schalke. Etwa 12.000 Zuschauer passen hinein, das Dach kann ebenfalls geschlossen werden. Regelmäßig findet ein besonderes Tennisturnier statt, außerdem viele Sport- und Fernsehveranstaltungen.
Das Thermometer im Rucksack ist inzwischen auf 36°C angestiegen.

Halle Gerry-Weber-Stadion
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...mit Gegenseite.
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In unmittelbarer Nähe zur Arena liegt der unspektakuläre Haltepunkt Halle-Gerry-Weber-Stadion direkt am Einfahr-Formsignal von Halle (Westf.). Es ist ein kurzer Bahnsteig mit recht breitem Glasdach. Ringsrum liegen größere Parkplatzflächen für Besucher des Stadions und eine Produktionsstätte für Süßigkeiten - der Halt wird wohl viel von Angestellten genutzt, wie ich auf dem Rückweg merke. Im nächsten Zug schwinge ich mich Richtung Landesgrenze.

Westbarthausen...
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...ein Haltepunkt im Nirgendwo (Hintergrund: Teuto-Wald)
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...kurz vor der Landesgrenze zu Niedersachsen
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...wo der hier herkommt.
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Der Haller Willem in Westbarthausen |

Auch in Gegenrichtung ist nicht besonders viel Zivilisation |
Vorbei an Hesseln und Borgholzhausen steige ich in Westbarthausen aus. Bitte wo? Östlich vom Haltepunkt steht ein Wohnhaus, westlich ist noch eines etwa hundert Meter entfernt. Noch weiter weg steht eine Scheune. Sonst ist hier nur eine Straße und Felder. Viele Felder. Ein Haltepunkt in völliger Einöde. Dennoch ist er ebenso modern wie alle anderen besuchten Halte der Strecke und mit einem Pluspunkt ausgestattet. Es gibt einen Parkplatz, wo zwei Autos in der Sonne rösten. Außerdem wie auf einem Wanderparkplatz einen Tisch mit zwei Bänken vis á vis. Aber der steht in der prallen Sonne und lädt daher nicht zum sitzen ein. In der Zeit bis zum Warten auf den nächsten Zug sehe ich genau drei Autos und zwei Mofas vorbeifahren. Ein scharfer, heißer wind weht über die Felder. Ich möchte nicht wissen, wie das hier im Winter ist, bei -15°C und Schneefall am Bahnsteig auf freiem Felde auf den Zug zu warten! Am Bahnsteig wachsen reife Brombeeren. Es ist verlockend. Aber ich verzichte, es gibt ja genug Mahnungen vor dem Fuchsbandwurm.
Jedenfalls bin ich hier am äußersten Punkt der Strecke in NRW, ein Halt weiter und nur ein paar hundert Meter von hier entfernt beginnt Niedersachsen. Bei Hilter (Jetzt bloß keine Buchstabendreher!) wird sich der Zug durch den Teutoburger Wald schlängeln und auf Osnabrück zulaufen. Ein sehr interessanter Streckenteil, der aber für mich jenseits der Grenze liegt. Mit dem Gegenzug fahre ich zurück. Gelobt sei der, der die Klimaanlage erfunden hat! Von 36°C im Schatten auf 26°C in der Bahn. Rapide sinkt das Quecksilber. Bis Brackwede fahre ich nur - ein Fehler. Wäre ich bis Bielefeld gefahren, hätte ich noch den um 30 Minuten verspäteten RE6 erreicht und wäre in Rekordzeit zu Hause gewesen.

Bahnhofsgebäude von Bielefeld Hbf |

Der Lipperländer der eurobahn nach Lemgo |

Senne-Bahn von Bielefeld nach Paderborn |

In der Bahnhofshalle von Bielefeld Hbf |
Der fährt zu der Zeit durch Brackwede, als eigentlich mein Zug kommen würde. Natürlich fährt er ohne Halt in diesem Nest durch. Dann folgt erst noch ein ICE. Und dann, mit 15 Minuten Verspätung, kommt der RE69 nach Hamm.

Lampe ET 425 mit Kondenstropfen |
Natürlich ist die Klimaanlage ausgeschaltet, die anderen Fahrgäste sitzen schon nassgeschwitzt auf ihren Plätzen bei 35°C Innen- temperatur. Dabei sind die doch gerade erst von Bielefeld losgefahren...! Kurz vor Ahlen tropft ein Wassertropfen auf mich. Tatsächlich, an der Lichtleiste haben sich kleine Tröpchen gebildet. Die Luftfeuchte erreicht wohl den hohen zweistelligen Bereich - Der Taupunkt ist erklommen. Das habe ich bisher auch noch nicht gesehen. Tropfsteinhöhle im Quietschie - und das nur, weil die Klimaanlage nicht eingeschaltet ist. Es wird mit der Zeit immer unerträglicher und die Sonne knallt weiterhin aufs Dach und durch die Fenster des Triebwagens.
In Ahlen kommt natürlich prompt die Meldung, dass vor uns ein Fahrzeug liegengeblieben ist. Als hätte man darauf gewartet. Meine Hoffnungen, den Anschluss nach Unna zu erwischen, zerplatzen wie eine Seifenblase. Eine Rangierlok überholt uns - vielleicht schleppt sie den Zug ab? Ob das der ICE ist? Wer weiß... Jedenfalls kommen wir mit +30 in Hamm an. |
Ich muss den nächsten RE7 nehmen und habe in Unna genau 59 Minuten Aufenthalt - ich seh so gerade noch die Hönnetalbahn nach Hause. Allerdings bereits fahrend. Naja, Gelegenheit sich ein großes Spaghettieis in der Innenstadt zu gönnen. Abkühlung tut not. Ich darf allerdings nicht sagen, man hätte mich gewarnt!
Sebi on Tour - Schwitzt demnächst vielleicht auch in Ihrer Nähe ;-)
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(c) Bilder, Text und Grafiken: S.Hellmann - www.mytrainsim.de
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