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Nahverkehr in NRW: RB 43 - Die Emschertal-Bahn

Für Nicht-Westfalen muss sich der Name "Emschertal-Bahn" anhören, als fahre die NordWestBahn, die die Linie betreibt, durch das idyllische Tal eines kleinen Flüsschens. Vielleicht denkt man dabei an Wiesen, Felder; vielleicht auch Wasserräder oder kleine Kaskarden. Enten, die als Kette mit ihren Jungen durch kristallklares Wasser schwimmen, hier und da ein Hahnenfußgewächs, das die Wasserqualität als unbedenklich anzeigt. Dort hinten steht ein bärtiger Biologe mit hochgekrempelten Hosen bis zum Knie im sanft fließenden Wasser und hat eben Proben genommen. Nach Messung aller Werte trinkt er das Becherglas aus und winkt einigen schwimmenden Kindern fröhlich zu.

Doch vom Traumland zurück zum Realismus. Es ist zwar richtig - die Emscher ist ein Fließgewässer. Aber schwimmt man in der Emscher, ist man sehr wahrscheinlich kurze Zeit später an zwei möglichen Ursachen gestorben: Ertrinken wegen der starken Strömung oder Tod durch eine schwere bakterielle Infektionen. Die Emscher ist nämlich ein in den meisten Abschnitten schnurgerader, kanalisierter Fluss mit einer kackbraunen Farbgebung (im wahrsten Sinne des Wortes), in dem ein Teil der Abwässer des Ruhrgebietes schwimmt. Vor der Mündung des Flusses, der gerne im Volksmund aufgrund der mitgeführten Substrate als "Köttelbecke" bezeichnet wird, wird das gesamte Gewässer einmal durch die »Zentralkläranlage Emschermündung« bei Dinslaken geleitet.

Hier zunächst einmal die obligatorische Karte der Emschertal-Bahn. In blauer Farbe ist die Emscher eingetragen. Die Knickformen und die langen geraden Abschnitte zeugen von der Kanalisierung dieses Gewässers.

Karte Emschertalbahn

Prolog: Geographie - Die Emscher, die Emschertalbahn und die Emschertal-Bahn

Die Emscher ist ein ca. 80 Kilometer langer Fluss, der von Holzwickede (Kreis Unna) durch den Norden des Ruhrgebiets in westlicher Richtung nach Dinslaken und dort in den Rhein fließt. Die Quelle liegt recht idyllisch in einem Quellteich im Emscherquellhof außerhalb der Stadt. Zur Zeit des florierenden Montansektors im Ruhrgebiet mit Kohle- und Stahlindustrie sowie einer stark steigenden Einwohnerzahl gab es für Trink- und Abwasser hier ein simples System, um nicht Nutz- und Abwasser zu mischen (getreu dem Motto: "Der Bürgermeister gibt bekannt: 'diese Woche wird Bier gebraut, daher darf ab Dienstag nicht mehr in den Bach geschissen werden'"). Trink- und Brauchwasser wurde aus der Ruhr im Süden gewonnen, die von den vielen Sauerlandstauseen mit sauberen Wasser gespeist wurde und heute noch wird. Hier befinden sich die großen Wasserwerke und Trinkwassergewinnungsanlagen des Ruhrgebietes. Abwasser gelangte hingegen in die nördlich verlaufende Emscher. Erst an der Mündung in den Rhein wurde bzw. wird das gesamte Wasser dann, um nicht zig kleine Reinigungsanlagen bauen zu müssen, im zentralen Klärwerk Emschermündung gereinigt. Wegen einiger Hochwasserereignisse, bei denen durch das Abwasser leicht Krankheiten verursacht werden konnten, wurde fast der gesamte Flusslauf kanalisiert, sprich der Fluss begradigt und hinter hohen, rinnenförmigen Betonwällen oder befestigten Ufern mit hohen begleitenden Deichen eingepfercht. Seitdem fließt er in einem offenen Kanal durch das nördliche Ruhrgebiet. Die Mündung in den Rhein wurde bereits zweimal künstlich verlegt. Die einstige Mündung bei Duisburg wurde zunächst ein Stück nach Norden und schließlich noch einmal 13km weiter nördlich bis zur heutigen bei Dinslaken gelegt. Natürlich ist hier nichts mehr.

Inzwischen ist man in die Phase der Renaturierung übergegangen. Bereits auf einingen Kilometern wurde das Abwasser in unterirdische Rohre verfrachtet, an der Oberfläche fließt nur noch das halbwegs saubere Flusswasser. Einige Betonkanäle sind abgerissen und der ehemalige mäandrierende Flusslauf rekonstruiert. Es wird etliche Jahre und zig Millionen Euro kosten, bis der gesamte Flusslauf wieder in seinem "Originalzustand" hergestellt ist. Bis man hier einen Biologen das Wasser trinken sehen kann, wachsen Ihren Kindern vermutlich graue Haare.

Emscherquellhof Holzwickede

Der idyllisch gelegene Emscherquellhof in Holzwickede...

Emscher bei Huckarde

...Mehrere zehn Kilometer später ist es ein kanalisierter Fluss

Die Linie der Emschertal-Bahn verläuft - dem Namen entsprechend - mehr oder weniger parallel zur Emscher, wenn auch im gewissen respektvollen Abstand. Sie führt durch das nördliche Ruhrgebiet von Dortmund Hbf über Castrop-Rauxel und Herne nach Dorsten. Die Gegend ist in kaum einem Reiseführer über das Ruhrgebiet verzeichnet. Einige Gebiete sind soziale Brennpunkte.

Die gleichnamige Strecke (KBS 426 bzw. 423) verbindet heute das östliche mit dem westlichen Ruhrgebiet. Die Regionalbahnlinie nutzt mit dem Abschnitt zwischen Dortmund und Wanne-Eickel nur einen recht kleinen Abschnitt der Strecke. In diesem Bereich ist sie zum größten Teil auf einen Strang zurückgebaut. So gibt es hier und dort Geisterbahnsteige, Doppelbrücken, auf denen nur ein Gleis verläuft oder verrostete Gleise im Unterholz. Gebaut wurde das Streckennetz zwischen 1878 und 1880.

Der Fahrzeugeinsatz auf der Emschertal-Bahn hat in letzter Zeit stark variiert. Lange prägten Akku-Triebwagen der Baureihe ETA 515 den Verkehr. Sie wurden in den 1990ern durch Triebwagen der Baureihe 628 ersetzt, zuletzt fuhren unter der Regie der DB-Regio NRW einteilige Triebwagen der Baureihe 640 "LINT27", teils in Mehrfachtraktion. Seit Dezember 2008 betreibt die private NordWestBahn die Linie. Hauptsächlich eingesetzt wurden zunächst dreiteilige TALENT (Talbot leichter Niederflurtriebwagen) in drei verschiedenen Farbvarianten. Zu Testzwecken fuhren im zweiten Quartal 2009 zur Probe zusätzlich Triebwagen des Typs Desiro (DB-Baureihe 642) auf der RB 43. Seit Anfang 2010 wird der Betrieb langsam auf zweiteilige Triebwagen des Typs LINT 41 (DB-Baureihe 648) umgestellt.

Die RB 43 ist das akute Sorgenkind der Nahverkehrslinien im Gebiet des Zweckverbandes VRR. Der Vertrag zum Betrieb der Linie wird derzeit stetig immer nur um ein Jahr, also um eine sehr kurze Frist, verlängert. Als Finanzierer ist er für die Bestellung des Verkehrsunternehmens zuständig. Und immer wieder denkt er darüber nach, den Betrieb einzustellen. Insbesondere der Abschnitt von Wanne-Eickel nach Gladbeck steht dabei häufiger zur Debatte. Mögliche Gründe im starken Rückbau, der langen Reisezeit und dem damit verbundenen Fahrgastschwund oder auch die Vorteile der Linie im Erreichen verschiedenster Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele werden im Hauptteil betrachtet.

 

Die Emschertal-Bahn Teil 1: Von Dortmund nach Herne

Die Exkursion beginnt im Hauptbahnhof von Dortmund, der zur zeit knapp drittgrößten Stadt NRWs hinter Köln und Düsseldorf sowie Einkaufsmetropole im östlichen Ruhrgebiet. Kohle, Stahl, Bier - der sogenannte "Dortmunder Dreiklang" beschreibt die wesentlichen Standbeine der vergangenen Zeiten, von denen allerdings nicht mehr viel vorhanden ist. Sowohl der Montansektor als auch die vielen Brauereien, die auf dem Stadtgebiet existierten, sind größtenteils verschwunden.

Der Hauptbahnhof liegt nördlich der Innenstadt, nur wenige Fußminuten von der großen Fußgängerzone "Westenhellweg" (bzw. dem Pendant "Ostenhellweg") entfernt. Er bildet zentralen Anlaufpunkt aller U-Bahnen der Stadt, die sternförmig ausgerichtet sind und vergleichbar mit München ein Stück weit eine kleine Stammstrecke in Nord-Süd-Achse bilden. Ein paar Meter höher fährt soeben auf Gleis 23 mein Zug ein.

In Dortmund hält der Triebwagen an einem der nördlichsten Bahnsteige, relativ dicht am Nordausgang zur Nordstadt mit hohem Ausländeranteil und dem Rotlichtviertel der Stadt. Damit steht er auch am weitesten weg von der zentralen Bahnhofshalle am Königswall, der die Stadt umziehenden mehrspurigen Ringstraße. Nach Norden nimmt auch der Zustand der Bahnsteige qualitativ ab. Von hier fährt die Prignitzer Eisenbahn nach Enschede und Lünen und die Eurobahn nach Münster. Jetzt darf man allerdings nicht darauf schließen, dass in diesem Falle Fahrgäste der privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen absichtlich die längsten Fußwege machen müssen. Sowohl die Emschertal-Bahn, der Lünener und auch die Westmünsterland-Bahn fuhren in DB-Zeiten von exakt den selben Bahnsteigen ab.

Emschertal-Bahn in Dortmund Hbf

Ein "Desiro" fährt durchs Labyrinth des Dortmunder Bahnhofs

Dortmund Hauptbahnhof: Ende der Emschertalbahn

Die Emschertal-Bahn fährt von Gleis 23 ab - fast ganz hinten

 Dortmund Hauptbahnhof

Der Hauptbahnhof der zweitgrößten Stadt NRWs

Desiro Emschertal-Bahn

Zeitweise wartete abwechselnd ein Desiro auf Fahrgäste

Talent der PEG in Dortmund

Ein Talent der Prignitzer Eisenbahn

 Dortmund Hauptbahnhof

Vom Nachbargleis fährt der Lünener nach Münster

 Dortmund Hauptbahnhof

Gleiche Baureihe fährt nach Soest über Unna als Hellweg-Bahn

 Dortmund Hauptbahnhof

Wichtige RE-Linien halten in Dortmund

In NRW und auch für mich ist es eine Premiere. Finden sich Desiro-Triebwagen doch verbreitet in den neuen Ländern - hier meist DB-rot-weiß unter der Baureihe 642, fuhren sie bis Juli 2009 testweise auf der Strecke. Der Zugbegleiter der NordWestBahn erklärt mir auf Nachfrage, dass am heutigen Tage der letzte Einsatz des Testbetriebs sei. Man kehre wieder zu den Talenten zurück und bald kämen eh die neuen LINT. Den Kommentar, ob Desiros bei der NordWestBahn keine Klimaanlagen hätten, nimmt er grinsend zu Kenntnis. "Die funktioniert nur auf langen Fahrten. Die großen Fenster....". Mein Thermometer, welches am Rucksack baumelt, zeigt inzwischen 34°C im Innenraum an.

Noch lange sieht man die Skyline der Stadt Dortmund mit den Hochhäusern am Hauptbahnhof und den Kirchtürmen. Hier an der westlichen Bahnhofseinfahrt laufen Strecken aus allen Himmelsrichtungen zusammen - die Hauptstrecke durchs Ruhrgebiet via Bochum, Essen und Duisburg nach Düsseldorf, die S-Bahn-Strecken nach Bochum und Witten, die Volmetalbahn nach Hagen sowie die Strecken nach Soest und Schwerte bzw. Winterberg, wobei die Letztgenannten Dortmund von Osten kommend im Süden komplett umfahren und tatsächlich die West- einfahrt nutzen.

Vor Huckarde geht es in einer scharfen Kurve von der elektrifizierten Bahnstrecke nach Wanne-Eickel via Mengede und Castrop-Rauxel Hbf, auf der der RE 3 fährt, auf die eigentliche Emschertalbahn. Rechts liegt der ehemalige Güterbahnhof des Dortmunder Hafens. Dortmund hat nämlich einen eigenen kleinen Binnenhafen. Es ist der Endpunkt des Dortmund-Ems-Kanals, der von hier bis nach Meppen an der Ems verläuft und den Datteln-Hamm-Kanal kreuzt. Binnenschifffahrt ist hier ein großes Thema. Bei Waltrop befindet sich in Henrichenburg - quasi in Nachbarschaft zu Dortmund - ein Schiffshebewerk, ein beliebtes Ausflugsziel für Technikinteressierte.

Bahnhof Huckarde Nord

Bahnhofsgebäude von Huckarde Nord

Huckarde Nord

Gebäude gegenüber des Bahnhofs

Emschertal-Bahn in Huckarde

Emschertal-Bahn nach Dortmund kurz vor dem Ziel

Deusenberg

Kokerei Hansa in Huckarde

Koksöfen der Kokerei Hansa

Deusenberg mit Blick zur Innenstadt (vorne Faultürme)

Erster Halt der Emschertal-Bahn ist in Dortmund-Huckarde Nord. Es ist eine von drei Betriebsstellen auf dem Ortsgebiet. Der Haltepunkt Huckarde und der Bahnhof Huckarde Süd (ohne Personenhalt) befinden sich an der Bahnstrecke der S2 und bilden mit dem Nordbahnhof etwa ein gleichschenkliges Dreieck. Huckarde Nord hat ein altes Bahnhofsgebäude, das einzige denkmalwürdige Gebäude aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg neben dem von Dortmund-Kurl. Im Gebäude von 1908, dem zweiten Bahnhofsgebäude hier (wobei in der Recherche offen geblieben ist, ob das Haus gegenüber das ehemalige erste Gebäude ist - es soll nämlich damals genau gegenüber gebaut worden sein), ist heute ein Restaurant untergebracht. Es ist Teil der Route Industriekultur und wird auf einer Informationstafel beschrieben. Auf ihr liest sich auch der besondere Fakt, dass die Bahn das Gebäude als Racheakt für einen verlorenen Prozess gegen einen Huckarder Bürger mitten auf die Altfried-Straße setzte und die damalige Verbindung über die Gleise der Emschertalbahn abgeschnitten hat.

Huckarde selbst wurde lange von der 1980 stillgelegten Zeche und 1992 stillgelegten Kokerei gleichen Namens dominiert. Noch heute steht unweit des Bahnhofs der ehemalige Förderturm in einem neu gegründeten Gewerbepark. Im Gegensatz zur Zeche ist die Kokerei erhalten geblieben und heute Museum. Sie wird auf der Partnerseite ruhrgebiet-industriekultur.de näher betrachtet, der Link zum Artikel befindet sich am Ende dieser Seite. Ein weiteres Museum in unmittelbarer Nähe der Kokerei ist das Nahverkehrsmuseum. Es ist jedoch zu beachten, dass beide nur an bestimmten Tagen bzw. in einer bestimmten Saison geöffnet haben. Hoch über Zeche und Kokerei Hansa befindet sich mit dem Deusenberg eine renaturierte Mülldeponie, die heute von Mountainbike-Fahrern genutzt wird. Sie wird unter der Industriekultur betrachtet.

Übernächste Station für die Emschertal-Bahn ist Marten.

Desiro-Triebwagen in Marten

NordWestBahn-Desiro der Emschertal-Bahn hält in Marten

Dortmund-Marten: Bahnsteig

Sehr offensichtlich gab es hier einmal ein weiteres Gleis

Dortmund-Marten: Wartehäuser abseits des Bahnsteigs

Wartehäuschen stehen außerhalb des Bahnsteigs

Dortmund-Marten: Güterschuppen

Ein Güterschuppen steht im Gebüsch

Dortmund-Marten: Signal im Grünen

Ein Signal steht mitten im Grün an unbenutzbarer Schiene

Stockrosen und rostige Schienen in Dortmund Marten

Stockrosen blühen da, wo früher Schienen lagen

Marten ist ein Ortsteil von Dortmund und liegt im nordwestlichen Quadranten der kreuzenden Autobahnen A40 und A45. Hier sieht man erstmals Spuren von Rückbau, Stilllegung und Brache auf der Emschertalbahn. Im Gebüsch liegen Schienen, ein halt-zeigendes Signal schaut aus dem Unkraut heraus. Der breite Bahnsteig, wie er heute erscheint, wurde einst von einem zweiten Gleis durchschnitten. Daher erklären sich auch die unterschiedlichen Farben von Schotter und auch asphaltierte Streifen im Belag, wo einst ein zweites Gleis zum besseren Übergang einfach überteert wurde. Ein Bahnhofsgebäude gibt es nicht. Wartehallen stehen abseits vom Bahnsteig auf einem gepflasterten Vorplatz, ebenso Fahrkartenautomaten und ein Fahrplanaushang, der in einem Infokasten mit der Überschrift "Wagenstandsanzeiger" hängt. Nebenan gammelt ein Güterschuppen vor sich hin. Doch im noch so brachliegenden Güterbahnhof gedeihen die schönsten Stockrosen. Ein erster Ort, wo sich die Natur ihr Gebiet zurückerobert. Von der Straße aus findet man kein Hinweisschild zum Bahnsteig. Unten befindet sich eine Bushaltestelle mit dem Namen "Marten Bf.", aber dass man diese morsche Treppe durchs Gebüsch hochsteigen muss, darf man erraten.

Der Gegenzug hat Verspätung. Beim Einsteigen läuft man in eine unsichtbare Wand. Auch in diesem Zug funktioniert die Klimaanlage offensichtlich nicht. Das Quecksilber am Rucksack steigt rasch auf über 35°C, aber ich muss ja nur eine Station weit fahren - zurück nach Rahm.

Emschertal-Bahn in Dortmund-Rahm

Dortmund Rahm. Ein kleiner, aber wesentlich schönerer Halt

Dortmund-Rahm

Hier in Rahm ist die Zeit etwas stehen geblieben: Bundesbahn...

Dortmund-Rahm Stellwerk

Überleitstelle Rahm: Formsignale, Kurbel-Schranke und Stellwerk.

Dortmund-Rahm mit einfahrendem Talent

... wenn da nicht die modernen Talent wären.

Rahm ist ein sehr kleiner Haltepunkt. In Marten wurde die Strecke für ein kurzes Stück wieder zweigleisig. So gibt es hier zwei Bahnsteige, die vis á vis liegen - hinter einem Bahnübergang. Die Strecke wird hinter Rahm wieder eingleisig. Der Verkehr wird an der benachbarten Überleitstelle vom mechanischen Stellwerk geregelt. So gibt es hier Formsignale und auch die nostalgischen Kurbelschranken mit Glocke.

Kurz vor Lütgendortmund steht ein Vorsignal - das zum Bahnhof Marten - weit neben der Strecke. Das liegt wieder daran, dass hier ein Schienenstrang stillgelegt und teilweise abgebaut wurde. Insbesonders im Abschnitt zwischen Marten und Herne sieht man das Gleis immer wieder unter Unkraut und Büschen liegen.

Nächste Station ist Lütgendortmund Nord. Der Halt liegt - man könnte vom Namen her darauf schließen - am äußersten Nordende des Dortmunder Vorortes. Der Bahnhof Dortmund-Lütgendortmund liegt zentral in der Ortsmitte und bildet den westlichen Endpunkt der Mitte der 1980er Jahre entstandenen Schnellbahnlinie S4 nach Unna. Besonderheit dieser Linie ist, abgesehen davon, dass in den Zielanzeigen der Loks jahrelang "Lütgendortmund" falsch geschrieben wurde, dass die S4 anfangs in Dortmund-Bövinghausen auf die Emschertalbahn schwenken sollte und bis Herne führen. Noch heute gibt es Planungen zu einem Lückenschluss zwischen Lütgendortmund (-Mitte) und Bövinghausen.

Emschertal-Bahn in Lütgendortmund Nord

Brandneuer LINT 41 der NordWestBahn in Lütgendortmund Nord

Bahnhof Dortmund-Lütgendortmund Nord

Bahnsteig ohne viel Schnickschnack mit Fahrrad auf dem Dach

Lütgendortmund Nord

Zugang zum Bahnsteig

Emschertal-Bahn LINT

Emschertal-Bahn nach Dorsten

Der kleine Haltepunkt Lütgendortmund Nord wirkt ungepflegt und weist nur wenig Luxus auf. Das Wartehaus ist größtenteils ohne windschützende Wände. Schilder sind verbogen oder heruntergerissen. Der begrenzende Zaun neigt sich zur Seite. Es gibt schönere Orte zum Aussteigen. Zu Fuß gelangt man von hier auf die markante Halde Zollern, die von einem Bach tief eingeschnitten wird. Die Emschertalbahn führt kurz vor Bövinghausen unmittelbar daran vorbei. Aus dem Zug kann man den typischen, starken Birkenbewuchs erkennen.

Lütgendortmund: Vorsignal weit neben den Schienen

Such! Such! Wo ist das Vorsignal von Marten?

Stahlbrücke über die A 45

Brücke über die A45 - Blicke aus dem Führerstand im Juni

An dieser Stelle fällt mir doch noch eine wahre Story aus alten Zeiten ein. Ich bin hier schon einmal 2004 her gefahren, als noch DB-Regio mit 640er-Triebwagen auf der Strecke fuhr. Hinter mir saß jemand, den der spontan aufgetauchte Zugbegleiter ohne Fahrschein erwischt hatte:
Fahrgast: "Ich muss getz doch nich 40 Euro zahln? Das wär schon dat fünfte Ma diesen Monat!"
Schaffner: "Das müssen Sie sich vorher überlegen."
Fahrgast: "Ich hab´s doch nicht... ich krieg Arbeitslosengeld und das reicht gerade für ´n bissken Essen und Trinken!"
Schaffner: "Aber wenn Sie sich das nicht leisten können, warum fahren Sie dann? Wohin wollen Sie überhaupt?"
Fahrgast: "Nach Essen. Zum Shoppen...!"

Eine Etappe wird zu Fuß zurückgelegt. Von Lütgendortmund führt der Weg quer über die Halde Zollern bis nach Bövinghausen. Die Halde Zollern wurde von der etwa 500 Meter entfernten Zeche Zollern II / IV aufgehäuft. Es ist eine der schönsten Zechen im Ruhrgebiet und ebenfalls als Museum besuchbar - und der Besuch lohnt. Berühmtestes Objekt ist die Stahlfachwerk-Maschinenhalle mit Jugendstil-Elementen. Von dem südlichen der beiden Zwillings-Fördergerüste hat man eine weite Aussicht auf Dortmund. Mehr zum Thema ebenfalls unter der Industriekultur.

Zeche Zollern

Zeche Zollern vom Förderturm gesehen

Zeche Zollern

Jugendstil-Portal der Maschinenhalle

Zeche Zollern

Maschinenhalle und Anschauungsobjekte zum Kohletransport

Halde Zollern

Halde Zollern: Dichter Birkenwald und ein Schnitt im Berg

Ein paar hundert Meter von der Zeche ist der Bahnhof Bövinghausen entfernt. Es ist ein Bahnhof, von dem außer dem Emschertalbahn-Gleis sämtliche anderen Schienen zugewachsen sind. Das Stellwerk ist verlassen, der Bahnhof heruntergekommen. Es gibt kein Empfangsgebäude. Vom Wartehaus fehlen alle Scheiben. Der Zug Richtung Dortmund hat noch solange rot, bis eine Schranke eines Bahnübergangs auf einem Fußgängerweg schließt.

emschertal-Bahn im Bahnhof Bövinghausen

Emschertal-Bahn in Dortmund-Bövinghausen

Bahnhof Bövinghausen

Auf dem Bahnsteig stehen herbstbunte Bäume

Bahnhof Bövinghausen: verlassenes Stellwerk mit Grafitti

Das Stellwerk von Bövinghausen ist verlassen

Bahnhof Bövinghausen: zugewachsener Güterbereich

... was soll man hier auch groß noch steuern?

Wieder geht es zu Fuß den einen Kilometer weiter zum Haltepunkt Castrop-Rauxel-Merklinde. Dabei überschreite ich erstmals die Stadtgrenze von Dortmund. Inzwischen hat sich in Richtung Dorsten die Strecke auf zwei Gleise verbreitert. Oder anders: Richtung Bövinghausen wurde das zweite Gleis rückgebaut. Der Haltepunkt Merklinde wird geteilt durch einen Bahnübergang. Die Bahnsteige liegen jeweils in Fahrtrichtung dahinter. Besonderheiten gibt es keine. Sie haben die Standardausstattung mit Wartehaus, Fahrkartenautomat, Infotafeln und Entwerter. Der Zustand entsprechend dem Ballungsraum Ruhrgebiet, also etwas siffig und häufig nicht besonders einladend zum Verweilen.

Castrop-Rauxel liegt dem Volksmund nach in den Tropen von NRW. Ebenso wie Bottrop, Waltrop und Dortmund-Lanstrop. Nicht weit von hier befindet sich im Ortsteil Schwerin die Halde der ehemaligen gleichnamigen Zeche. Auf dieser recht niedrigen Halde wurde als Landmarke eine übergroße Sonnenuhr aus Metallsäulen geschaffen.

Castrop-Rauxel-Merklinde in Herbstfarben

CR-Merklinde: Blick vum Bahnsteig Richtung Herne

Sonnenuhr auf Halde Schwerin

Landmarke in der Nähe: Halde Schwerin

Der Albino-Talent, also ein komplett weißer Triebwagen, schleicht wieder über den Bahnübergang an den Bahnsteig. Über die Breite des Übergangs ist eine Langsamfahrstelle von 20km/h eingerichtet. Zweigleisig geht es weiter nach Castrop-Rauxel-Süd. Hier, am heimlichen Hauptbahnhof - hier ist mehr Betrieb als am richtigen Hbf am Nordende der Stadt - begegnen sich die Züge. Um nicht eine Stunde hier zu stehen, bleibe ich im Zug sitzen. Hinter diesem Halt wird die Strecke wieder eingleisig. Klappt´s nicht mit einer pünktlichen Zugbegegnung, wird die Verspätung auf den Gegenzug übertragen.

Prägend für diesen Ort war die Zeche Erin. 1983 wurde auch sie stillgelegt. Zwei Fördergerüste stehen in verschiedenen Ortsteilen als Industrierelikt, darunter der Hammerkopfturm auf dem Wetterschacht 3 und der Stahlturm auf Schacht 7. Letzterer steht heute im sogenannten Erinpark, einem gemischten Landschafts- und Gewerbepark unweit des Bahnhofs.

Der nächste Halt ist auf dem Stadtgebiet von Herne im Ortsteil Börnig.

Emschertal-Bahn in Börnig

Der Haltepunkt besteht nur noch aus Gleis 2

Herne-Börnig: nur ein Bahnsteig in Betrieb. Der andere wächst zu

Links der Geisterbahnsteig. Es existiert sogar ein Wartehaus

Herne-Börnig: Siffiger Eingang zum Bahnsteig

Zugang zum Bahnsteig durchs Gebüsch.

Herne-Börnig: Zugewachsener Aufgang zum Stillgelegten Bahnsteig

Wenn man genau hinschaut, erkennt man Zugang zum Gleis 1

Herbstlich gefärbte Laubbäume überwuchern den Geisterbahnsteig am stillgelegten Gleis 1. Das ungenutzte Gleis liegt noch unter dem Unkraut. Bodendecker breiten sich aus. Das Wartehaus, durch Farbe verziert, steht mitten im Urwald. Teile der Bank sind abgefackelt. Auch auf Börnig trifft die Beschreibung von Merklinde zu - Wartehaus, Fahrkartenautomat, Infotafel, Entwerter. Aber alles etwas "gebrauchter" aussehend. Um vom Bahnsteig zu gelangen, muss man durch ein kleines Wäldchen den Bahndamm hinunterlaufen. Unten stehen dann auch angesprochener Automat und Fahrplantafel. Unter einer Brücke hindurch findet man übrigens den ehemaligen Zugang zum Gleis 1. Natürlich auch zugewachsen. Aber der Halt ist nicht der einzige Grund, warum ich hier aussteige.

Ich bin ja aus Richtung Dortmund kommend schon an einigen stillgelegten Zechen vorbeigekommen. Ein weiteres sehr interessantes Objekt liegt in der Nähe von Börnig im Herner Nachbarort Sodingen, den man fußläufig erreichen kann.

Akademie Mont-Cenis in Sodingen

Akademie Mont-Cenis in Herne-Sodingen (alte Kamera)

Akademie Mont-Cenis in Sodingen

Ein Glashaus auf dem Boden einer ehemaligen Zeche

Hier gab es bis in die 1970er Jahre eine Zeche mit dem französischen, klangvollen Namen "Mont Cenis" (benannt nach einem Alpentunnel in Frankreich, als Vorbild für seine damalige Ingenieurkunst). Die Zeche wurde aber 1978 stillgelegt und abgerissen. Nun befand sich mitten im Ort Sodingen eine hässliche Brache. Man entschied sich in den 90er Jahren für eine Neubebauung des Geländes. Hier sollte als Kernbestandteil die Fortbildungsakademie des Landes NRW entstehen. Gebaut wurde ein großer Glaskasten ganz aus Fichtenholz, Glas und Stahl. Im Innern befinden sich in in gruppierten Gebäuden im Glashaus die Fortbildungsakademie, ein Hotel, Tagungsräume, die Stadtteilverwaltung von Sodingen, Café und Restaurant sowie eine Bibliothek. Zwischen den Gebäuden ist in der Glashülle eine mediterrane Landschaft mit Palmen und Wasserspielen entstanden, hat man durch die "Treibhausarchitektur" des Glashauses eine Klimaverschiebung Richtung Mittelmeer erreicht. Das Highlight der Anlage liegt jedoch auf dem Dach - und auch unter dem Kasten brodelt es noch. Auf dem Dach erzeugt eine riesige Solaranlage Strom, im Untergrund entstehendes Grubengas wird zur Gewinnung von Wärme für die Anlage und das benachbarte Krankenhaus genutzt. Ein Beispiel für erfolgreichen Strukturwandel, das teilweise sogar langsam in einigen Reiseführern auftaucht.

Theoretisch ist die alte Zeche Mont-Cenis vom Haltepunkt Herne-Börnig gut zu Fuß zu erreichen, aber just in dieser Stunde gibt es einen starken Regenschauer. Ohne Schirm verharre ich nach baldiger Rückkehr unter dem Dach des Wartehauses und mache erstmal Mittag. Archivfotos der Akademie müssen wohl oder übel herhalten. Dabei kann man bei der NWB sogar kostenlos Schirme ausleihen! Ein Service, den ich sehr begrüße, aber überhaupt noch nicht wahrgenommen habe. Erst vom Zugbegleiter wurde ich auf das Schirm-Symbol im Fahrplanheft verwiesen, in dem diese Besonderheit gaaanz klein angemerkt ist. Wohl aus gutem Grund. Ob die Schirme wohl zurückkommen?

Mit dem eine Stunde später fahrenden Anschluss rumpelt es sich zum ersten Etappenziel in Herne.

Bahnhofsgebäude von Herne

Bahnhof Herne

Albino-Talent (weißer Triebwagen) in Herne

Emschertal-Bahn in Herne

S2 verlässt Herne

Die "alte" S2 - Regionstypische x-Wagen am Haken einer 143

Schloss Strünkede

Wasserschloss Strünkede

Herne hat ein schönes Bahnhofsgebäude und einen futuristisch anmutenden Zentralen Omnibusbahnhof vor der Türe. Es gibt zwei Inselbahnsteige, einen kurzen, von dem die Emschertal-Bahn nach Dortmund und die S2 nach Recklinghausen fahren, und einen längeren, an dem die REs und übrigen S-Bahnen halten. Soeben brettert ein IC durch den Bahnhof.

Vom Bahnhof aus fährt die U35 der Bogestra (Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen) nach Bochum und zur Ruhr-Universität und in der anderen Richtung nur eine Station bis zum Linienende am Schloss Strünkede. Dieses Schloss liegt in einem kleinen Park und ist ein Wasserschloss. Hier wird viel gelaufen, gewalkt und Fahrrad gefahren. Ein Stückchen nordöstlich auf dem Gebiet der Nachbarstadt Herten befindet sich die Halde Hoheward. Von weitem erkennt man die "Ringe" oder "Bögen" darauf. Es handelt sich hierbei um ein Horizontobservatorium, das ebenfalls unter dem Themenbereich Industriekultur betrachtet wird.

Für heute geht es zurück nach Hause. Die Emschertal-Bahn fährt langsam aus Richtung Dorsten ein. Beim Einsteigen zischelt mir ein aussteigendes Mädel zu "Achtung! Kontro im Zug!" Soso. In der Tat kommt, kaum dass ich sitze, ein junger Mann im NordWestBahn-Dress zu mir, wartet noch höflich einen kurzen Moment, bis ich meinen Rucksack abgesetzt und meine Beine ausgestreckt habe und tritt dann näher. "Hallo! Darf ich auch Ihre Fahrkarte sehen?"

Er ist sehr freundlich und ich komme mit ihm ins Gespräch. Es ist nicht so voll, er setzt sich sogar hin, schaut nur beim ein oder anderen Halt auf, wer eingestiegen ist, um ihn später nach dem Ticket zu fragen. In den Zügen der Emschertal-Bahn gibt es keinen bzw. nur abgedeckte Fahrkartenautomaten. Wer also ohne Ticket einsteigt, hat tatsächlich ohne triftigen Grund ein 40-Euro-Problem. Wobei von der Strafgebühr nur sehr geringe Anteile an die NWB fließen, wie ich heute gelernt habe. Nur auf NWB-Linien in Ostwestfalen (z.B. Sennebahn, Der Leineweber) kann man im Zug seine Karte kaufen. Der VRR sperrt sich allerdings dagegen - was ich persönlich nicht ganz nachvollziehen kann. Im Ruhr-Sieg-Express der Abellio von Essen nach Siegen stehen Automaten, ebenso in den Linien der Eurobahn im Hellweg-Netz, zum Beispiel auf der Hellweg-Bahn. Die Automaten sind besser gesichert, funktionieren meistens und im Notfall gibt es Personal, das bei der Wahl des Tarifs hilft. Und falls der mal kaputt ist und der Zugbegleiter es nicht glaubt, steht das Beweisstück direkt im Zug.

 

Die Emschertal-Bahn Teil 2: Von Herne nach Dorsten

Das fehlende Teilstück wird heute von hinten aufgerollt. Die Anreise erfolgt Via Essen und Bottrop mit der Prignitzer Eisenbahn der Linie RB 44 aus Oberhausen. So komme ich zunächst am nördlichen Linienende in Dorsten an.

Der Dorstener der RB44 in Dorsten

Der Dorstener in Dorsten - Endstation der RB 44

Der Borkener fährt in Dorsten ein

Einfahrt des RE 14 "Der Borkener" aus Borken

Bahnhof Dorsten

Empfangsgebäude in Insellage in Dorsten

Bahnhof Dorsten Emschertal-Bahn

Da ist er wieder - der Albino nach Dortmund

Dorstens Bahnhof ist ein Inselbahnhof. Das Empfangsgebäude liegt in der Mitte. Rechts und links schließen sich Gleis 1 West und Gleis 1 Ost an, dahinter liegt an einem weiteren Inselbahnsteig Gleis 2 West und Gleis 2 Ost. Hinter den westlichen Gleisen liegt der ZOB der Stadt. Dorsten ist Talent-Schwerpunkt - andere Zugtypen als die 643er der PEG und NWB halten hier nicht (sieht man von den langsam zunehmend eingesetzten LINT der NordWestBahn ab). Außer dem durchgehenden RE 14 nach Borken enden hier die Linien RB 43, 44 und 45.

"Herzlich Willkommen in der NordWestBahn nach Dortmund, wir wünschen uns jetzt erstmal eine angenehme Fahrt..." Piep, piep, piep, wir ha´m uns alle lieb. Wir erreichen das Stadtgebiet von Bottrop - ein weiterer Ort der Ruhrgebiets-Tropen. Recht bekannt ist die Stadt durch Adolf Tegtmeiers (alias Jürgen von Manger) "Bottroper Bier" - ein Lied gesungen in der Melodie von "Griechischer Wein" von Udo Jürgens:

"Bottroper Bier - isso wie der Saft für´t Leben / Hier im Revier - tut man manchmal gern ein´ heben / Und an so ein´ Tach - kriecht man zu Hause meist noch Krach / dat ich nich´ lach!

Bottroper Bier, und dann fäng´se schnell am Singen / Hier im Revier - tun die Gläser kräftig klingen / Der Gerstensaft - gibt Dir wieder neue Kraft / bisse abgeschlafft."

Der nächste Zwischenhalt ist an einem kleinen Haltepunkt am Dorf Feldhausen. Kennt vermutlich kein Mensch.

Emschertal-Bahn bei Feldhausen

Emschertal-Bahn nach Dortmund in Feldhausen

Schloss Beck

Schloss Beck bei Feldhausen

Haltepunkt Feldhausen am MoviePark

Haltepunkt Bottrop-Feldhausen am Moviepark

Der Dorstener: PEG-Talent bei Feldhausen

Der Dorstener, ebenfalls bei Feldhausen

Aber wie sieht es denn mit dem Nachbarort Bottrop-Kirchhellen aus?! Der ist durch Fernseh- und Radiowerbung weit über NRWs Grenzen bekannt. Hier, in wenigen Fußminuten entfernt zum Haltepunkt Feldhausen, liegt der "MoviePark Germany", ehemals "Warner Bros. Movie World", noch ehemaliger "Bavaria Filmpark", noch viel eher "Traumlandpark". Es ist einer der großen thematischen Freizeitparks des Landes neben dem Phantasialand in Brühl, dem Fort-Fun in Bestwig und dem Hollywood-Safaripark Stukenbrock bei Schloss Holte. Vom Zug aus sieht man die Achterbahnen, Vulkane, Wasserbahn und viele weitere Möglichkeiten, dem Mageninhalt schnellstmöglich den Rückwärtsgang einzulegen. Außerdem den randvollen Parkplatz. Jedenfalls besteht hier täglich großer Andrang. Auch mit dem Zug.

In entgegengesetzter Richtung zum Moviepark liegt Schloss Beck. Hier ist ebenfalls ein kleiner Freizeitpark zu finden, der speziell für kleinere Kinder gedacht ist. Aber auch er besitzt Achterbahn, Wasserrutsche, kleinkindgerechte Geräte und familientaugliche Eintrittspreise. Im Gegensatz zum MoviePark, wo eine kleine Familie alleine für den Eintritt weit über 100 Euro los ist (32 Euro pro Person, Familienkarte 125 Euro; Gruppen ab 20 sind mit 20 Euro pro Nase dabei - Stand 2009, lt. MoviePark-Webseite). Naja, der Unterhalt kostet ja auch viel Geld.

In Gladbeck-Zweckel zweigt die Strecke eingleisig in Richtung Südost ab und lässt die Stränge Richtung Oberhausen und Essen alleine.

Apropos Gladbeck, Bottrop und Kirchhellen. In einer Gebietsreform wurden Mitte der 1970er Jahre die drei Gemeinden zusammengelegt zu einer Stadt. Im Volksmund wurde dieses Konstrukt "Glabotki" bezeichnet, also mit den Anfangsbuchstaben der drei Orte und dann gemäß der typischen Nachnamen aus den ehemaligen Ostblockstaaten mit -ki am Ende. Dieses Gebilde bestand nur ein Jahr, da Gladbeck sich erfolgreich aus der neuen Stadt herausgeklagt hat.

Derweil passiert mein Zug Gladbeck-Ost und erreicht den Haltepunkt Gelsenkirchen-Buer Süd. Ein wenig spektakulärer Halt an sich.

Emschertalbahn - Gelsenkirchen-Buer Süd

Ankunft der Emschertal-Bahn in Buer Süd

Gelsenkirchen-Buer Süd Schienenkreuzung mit Straßenbahn

Eine Variobahn der Bogestra kreuzt die Bahnschienen

Emschertalbahn - Gelsenkirchen-Buer Süd Schienenkreuzung

Schienenkreuz direkt am Haltepunkt

Emschertalbahn - Gelsenkirchen-Buer Süd

Der kleine Haltepunkt trocknet nach einem Schauer ab

Im Normalfall würde ich den Halt auslassen. Doch hier gibt es eine kleine, streckentechnische Besonderheit. Direkt am Haltepunkt kreuzt niveaugleich eine Straßenbahnstrecke im 90°-Winkel die Schienen. Dabei haben die Trams der Linie 301 eine eigene Ampel und müssen an einer H-Tafel wie an einem Stoppschild kurz anhalten.

Ein zerbeultes Wartehaus aus Eisenbohlen, Fahrkartenautomat und Infotafel am Zugang vom Bahnübergang aus - das war´s. Ein paar Kilometer nördlich befindet sich nahe der Zechensiedlung Schüngelberg die Halde Rungenberg. Hier wurde ebenfalls eine Landmarke errichtet, jedoch in diesem Falle eine für die Nachthälfte des Tages. Zwei halbe Pyramiden aus Schutt werden nachts mit starken Scheinwerfern zu einer ganzen, geschlossenen Pyramide vervollständigt. Auch diese Halde kann man besichtigen - von ihr hat man einen schönen Ausblick über Gelsenkirchen und das Stadion auf Schalke. Obwohl... "schön" ist dabei relativ...

Halde Rungenberg

Ein Scheinwerfer auf Halde Rungenberg

Pyramiden auf der Halde

Zwei halbe Pyramiden ergeben nachts eine ganze

Der Halt Gelsenkirchen-Zoo ist Kreuzungsbahnhof. Hier wartet schon der blau-gelbe Gegenzug auf unser Eintreffen. Der Bahnhof liegt auf dem Boden von Gelsenkirchen-Bismarck und direkt neben der Autobahn A42. Geprägt ist dieser Ort von der Zeche Consolidation, kurz "Consol" genannt. Diese ist auch seit 1993 geschlossen - immerhin ist der große Förderturm auf Schacht IX noch erhalten. Gelsenkirchen-Bismarck ist multikulturell geprägt. An einem Eiswagen steht eine Gruppe Mütter mit Kopftüchern - die Kleinen schlecken ihr Eis. Die Namen an Türschildern klingen ebenfalls exotisch. Am Straßenrand parkt ein roter Sportwagen mit dem passenden Kennzeichen GE-IL. Direkt dahinter ein rostiger Japaner mit GE-IZ. So einfach lassen sich Charaktere ausdrücken!

emschertal-Bahn in Gelsenkirchen-Zoo

Emschertalbahn verlässt den Bahnhof Zoo

Gelsenkirchen-Zoo Bahnhof

Eingequetscht zwischen Güterbahnhof und A42

Auf der anderen Seite der Bahn befindet sich - irgendwoher muss der Name des Bahnhofs ja kommen - der Zoo von Gelsenkirchen. Dabei hat dieser den offiziellen Namen "ZOOM-Erlebniswelt", wobei man auch unter den Einheimischen unschlüssig ist, ob man das mit langem O (z.B. wie die italienische Hauptstadt Rom) oder englisch mit u (wie der Zoom in der Kamera) aussprechen soll. Bei dem Park handelt es sich um einen ungewöhnlichen Zoo, der sehr auf thementypische Gestaltung orientiert ist. Er ging 2005 aus dem komplett neu sanierten Ruhr-Zoo hervor. Diesem Tierpark wurde eine eigene Rubrik "ZOOM-Erlebniswelt" mit weiteren Bildern gewidmet.

Emschertalbahn Gelsenkirchen Zoo. Zoom-Erlebniswelt Giraffe

Giraffe im Themenbereich "Afrika"

Emschertalbahn Gelsenkirchen Zoo. Zoom-Erlebniswelt Erdmännchen

Erdmännchen - einfach süß...

Hinter Gelsenkirchen-Zoo passiert die Emschertalbahn ein markantes Bauwerk inmitten einer Wiese. Es handelt sich hier um den Malakowturm auf Schacht I der Zeche "Unser Fritz" und zugleich das einzige Relikt. Die Steinkohlenzeche wurde 1974 geschlossen und ansonsten abgerissen. Direkt am Malakowturm biegen wir von der zweigleisigen Strecke auf die eingleisige Verbindungskurve Richtung Wanne-Eickel Hbf um. An diesem Abzweig lag einst der Bahnhof Wanne-Unser Fritz. Er ist noch daran erkennbar, dass die Schienen in Höhe des Zechenturms deutlich auseinanderweichen und Platz für den ehemaligen Mittelbahnsteig lassen. Dieser ist inzwischen zugewachsen und nur noch bedingt erkennbar. Die Emschertal-Bahn überfährt die Strecke nach Oberhausen und läuft nach einigen Richtungswechseln und mit langsamer Fahrt in den Bahnhof von Wanne-Eickel ein. Das ist die Stelle, wo in Gegenrichtung immer Parallelausfahrten mit der Glückauf-Bahn und - im Verspätungsfalle - mit dem Rhein-Emscher-Express stattfinden. Beim letzten Mal sind wir hier mit drei Zügen verschiedenster Bahngesellschaften in eine Richtung gleichzeitig rausgefahren...

Panoramabild Wanne-Eickel Hbf

Wanne-Eickel - ein schön renoviertes Empfangsgebäude

Wanne-Eickel ist eigentlich keine Stadt mehr, sondern zwei Bezirke der Stadt Herne: Herne-Wanne und Herne-Eickel. Einzig in der Bezeichnung dieses Hauptbahnhofs taucht der zusammengesetzte Name noch auf - außerdem noch im Lied "Der Mond von Wanne-Eickel". Okay, und im "Mondpalast von Wanne-Eickel", einem vor Kurzem gegründeten Volkstheater, das auf Ruhrpott-Klischees setzt. Gegen Überlegungen, den Bahnhof umzubenennen in beispielsweise Herne Hauptbahnhof wurde heftiger Widerstand eingelegt.

Im Bezirk Wanne findet alljährlich in Crange die große Cranger Kirmes statt. Viele Eisenbahnfans bzw. Train-Simmer kennen spätestens seit dem GR-Addon "Schnelltriebwagen auf der Rollbahn" die Rollbahn zwischen Münster und Bremen. Was kaum einer weiß: Offiziell beginnt die Rollbahn in Wanne-Eickel Hbf. Hier halten nicht nur einige Fernverkehrszüge, es besteht auch ein guter Umstieg ins Ruhrgebiet (Glückauf-Bahn nach Gelsenkirchen und Bochum, Rhein-Emscher-Express nach Oberhausen, Dortmund und Hamm, S-Bahnen nach Recklinghausen, Oberhausen, Dortmund).

Der Bahnhof ist ein Vorbild für Renovierung. Während man in Menden (Sauerland; verkommenster Bahnhof in NRW) beispielsweise noch drauf und dran ist, den alten Bahnhof abzureißen und durch postmoderne Gebäude zu ersetzen, wurde hier die alte Substanz renoviert und das Umfeld gestaltet. Und es kann sich sehen lassen. Kein Wunder, dass hier sogar ein Fernsehfilm gedreht wurde: "Ein Mann, ein Fjord!" von und mit Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer. Sie werden dort das ein oder andere in der entsprechenden Szene wiedererkennen!

Wanne-Eickel Hbf Glückauf-Bahn der abellio

Silberner LINT der Abellio Rail als "Glückauf-Bahn" nach Bochum

Wanne-Eickel Hbf

Einige Railion-155er warten auf Arbeit

Wanne-Eickel Hbf

Vorbildlich renovierter Bahnhof

Wanne-Eickel Hbf

Auf Gleisseite sieht es etwas öder aus

Der nächste Triebwagen der Emschertalbahn hat wieder eine defekte Klimaanlage. Außerdem ist der Zug voll mit Schulklassen aus dem MoviePark und auch aus der Zoom-Erlebniswelt. Ein einziger Sitzplatz befindet sich noch zwischen zwei korpulenteren Personen in einer Reihe im Mehrzweckabteil. Bevor ich eine Stunde stehe.... Pest und Cholera. Das Thermometer steigt auf 33°C, die Luftfeuchtigkeit erreicht fast dreistellige Prozentwerte. Die Nachbarn transpirieren. Ich bin wohl der einzige, der Sandalen trägt. Tja, in der Schule kann man sowas aus Imagegründen nicht anziehen. Dafür qualmen bei den Schülern halt abends nach so einem langen Tag im Freizeitpark die Socken.

Während ich vergeblich den Endhalt Dortmund herbeizaubern zu versuche, unterhalten sich die Schüler im Vierer nebenan über Atomkraft. Nein, nicht über den MoviePark, nicht über Achterbahnen oder Wasserbahnen, sondern über Atomkraft. "... kein Kohlendioxid, hohe Ausbeute. Und das bisschen Atommüll kann in Salzkraftwerken gelagert werden." Was für Kraftwerke? Können die auch Strom erzeugen?

Ein Hund versucht, die Zunge aus seinem Maulkorb hängen zu lassen. Wasser...! Auch meine Flasche ist nun leer. Und wir warten in Merklinde auf den verspäteten Gegenzug. Das Thermometer steht nun auf 36°C. Nach gefühlten acht Stunden in der Heißluftsauna ist das Ziel endlich erreicht. Die Menge bricht nach draußen - hier in Dortmund ist es mit nur 30 Grad Außentemperatur richtig kühl...! Hätte ich doch mal eine Jacke mitgenommen...

Zusatzinformationen:

Interne Seiten:

Hauptseite zur Industriekultur: www.ruhrgebiet-industriekultur.de
Halde Schwerin: www.ruhrgebiet-industriekultur.de
Halde Rungenberg: www.ruhrgebiet-industriekultur.de
Halde Hoheward (Horizontobservatorium) www.ruhrgebiet-industriekultur.de
Akademie Mont-Cenis www.ruhrgebiet-industriekultur.de
Zeche Zollern und Halde Zollern www.ruhrgebiet-industriekultur.de
ZOOM-Erlebniswelt www.ruhrgebiet-industriekultur.de
Kokerei Hansa www.ruhrgebiet-industriekultur.de

Externe Links:

Ehemalige Zeche Mont-Cenis / Akademie: www.akademie-mont-cenis.de
Zeche Hugo Schacht 2 in Gelsenkirchen-Buer: www.zeche-hugo.com
Zechensiedlung Schüngelberg: www.route-industriekultur.de
Landmarke auf der Halde Rungenberg: http://stadt.gelsenkirchen.de/
"MoviePark Germany" in Bottrop-Kirchhellen: www.movieparkgermany.de
Freizeitpark Schloss Beck in Bottrop-Kirchhellen: www.schloss-beck.de
Schiffshebewerke Henrichenburg b. Waltrop: www.hebewerk-henrichenburg.de (Flash-Seite)
Die Vorgänger des MovieParks in Kirchhellen: www.traumlandpark.org
Tetraeder Bottrop (Halde Beckstraße): www.route-industriekultur.de
Alpincenter Bottrop (Halde Prosperstraße): www.alpincenter.com
Zoom Erlebniswelt: www.zoom-erlebniswelt.de
Zeche Consol www.route-industriekultur.de
Zeche Zollern www.zeche-zollern.de
Kokerei Hansa (offizielle Seite) www.industriedenkmal-stiftung.de
Kokerei Hansa (Route Industriekultur) www.route-industriekultur.de

Sebi on Tour - Demnächst vielleicht auch in Ihrer Nähe ;-)

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