
Mytrainsim on Tour: Ballonfahrt über das Münsterland
In diesem Artikel werden das Erlebnis und die Gedanken zu einer Heißluftballonfahrt über das Münsterland (Nordrhein-Westfalen) beschrieben sowie Hinweise und Tipps gegeben, was zu beachten ist, wenn Sie dies einmal nachmachen möchten.
1. Die Vorbereitung
Es gibt Geburtstage, da möchte man mal kein Buch, kein Amazon-Gutschein, Präsente-Korb oder ähnliches verschenken. Da war immer mal der Hintergedanke von einem Heißluftballonflug... pardon... einer Ballonfahrt, wenn im Sonnenuntergang geräuschlos ein so großer, wunderschöner Ballon majestätisch über die Häuserdächer des Dorfes schwebt. Viel zu teuer, zu gefährlich, zu großer Aufwand, zu schnell vergessen. Es ist einem verregneten, lustlosen Sonntag im Frühjahr 2011 und einem am Vortag gesehenen Fernsehfilm zu verdanken, dass eine kleine Internetrecherche zu einem überraschenden Ergebnis führte: Eigentlich ist das gar nicht so teuer. Und wenn nicht jetzt – wann dann?!
Der Betreiber
Bei der Buchung der Ballonfahrt hat man in Nordrhein-Westfalen die Qual der Wahl zwischen zahlreichen Betreibern. Da gibt es a) die großen Event-Fabriken, b) lokale Betreiber und c) ganz kleine Ballonteams in der Region, die den Sport als Freude am Hobby betreiben. Bei dem Gedanken an eine Massenbearbeitung wurde sich im Vorfeld der weiteren Planung gezielt nach kleineren Betreibern umgschaut, die beispielsweise in den regionalen Gelben Seiten zu finden sind. Meist verrät schon die mehr oder weniger reißerisch gestaltete Internetseite viel über die Institution. Natürlich sollte die Region, die man zwangsläufig überfährt, irgendwie von Interesse sein. Ob Sauerland oder Bergisches Land, Münsterland oder Ruhrgebiet – doch diese Wahl hängt meist direkt mit dem Betreiber zusammen. Doch unter uns: NRW ist eigentlich überall schön. Auch eine Fahrt über das platte und für den einen oder anderen sicherlich zunächst langweilige Münsterland wird zu einem unvergesslichen Erlebnis, wie man später noch sehen wird.
Wichtig zu wissen ist, dass es Unterschiede in der Wahrnehmung des Termins gibt. Während wie in unserem Beispiel die Fahrt an einem besimmten Tag festgelegt wird, an dem sich nach Abfrage des Ballonwetters gegen Mittag entscheidet, ob sie stattfindet oder nicht (und man sich schon irgendwie geistig darauf vorbereiten kann), kommt man bei anderen auf eine Warteliste. Ist man bei entsprechender Witterung an der Reihe, erfolgt irgendwann vier Stunden vorher plötzlich ein Anruf. Es hängt halt davon ab, wie flexibel man selbst sein kann. Bei terminierten Fahrten kann es durchaus zu mehreren Anläufen bis zu Monaten oder gar Jahren (selten) kommen!
Der Zeitpunkt
Generell finden Ballonfahrten ganzjährig statt. Je nach Jahreszeit werden allerdings nur Abendfahrten oder auch Morgenfahrten angeboten. Über Mittag und Nachmittag lassen üblicherweise Windverhältnisse Fahrten aufgrund der starken und gefährlichen Thermik insbesondere im Sommer nicht zu. In den kurzen Zeitfenstern um Sonnenauf- und Untergang herum ist die Witterung normalerweise gemäßigter und besonders geeignet. Zu Rechnen ist daher mit einer Fahrt von etwa 2 Stunden. In der Dunkelheit finden keine Fahrten statt, da Hindernisse nicht oder nur sehr spät sichtbar sind. Das bekannte Ballon-Glühen findet daher üblicherweise am Boden statt.
Die Kosten
Preislich liegen die Betreiber alle im ähnlichen Segment. Pro Person ist mit einem Preis von etwa 150 bis 200 Euro zu rechnen. Neben dem doppelten Personal (Pilot und Verfolger, der nach der Landung zum Ausgangspunkt zurückfährt) fallen Benzin, Gas, Unterhaltung des Ballons und Lizenzen für die Luftfahrt an – Nebenkosten, die im Preis üblicherweise alle inbegriffen sind.
Unsere Wahl fiel auf das kleine Ballonteam Münster, das auch besonders sympathisch und hilfreich bei der telefonischen Anfrage war. Es wurde ein fester Termin und für den Tag X ein Telefonat gegen Mittag vereinbart. Der Preis liegt bei 159 Euro p.P. bei einer Fahrt von mehr als 1,5 Stunden.
2. Die Aktion
Vor exakt zwei Monaten wurde für den heutigen Tage die Heißluftballonfahrt gebucht. Und gerade bei diesen langfristigen Terminierungen platzt erfahrungsgemäß häufig das Wetter dazwischen. Fahrten finden nur am Morgen und am Abend statt, also während der Helligkeit vor und nach den sonnenbedingten Windturbulenzen in einem Zeitfenster von etwa zwei Stunden. Windböen sind genau so schädlich wie Regen und alles, was irgendwie die Sicht einschränkt. Nicht nur für die Schönheit der Landschaft, sondern auch für die Sicherheit. Doch der heutige Tag ist vielversprechend. Durch das Bürofenster scheint die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Gegen 11 Uhr vibriert das Handy: "Es findet heute definitiv statt!" Der Traum wird heute tatsächlich wahr...! Wobei immer noch das Risiko plötzlicher Windböen im Raum steht, das die Fahrt verhindern könnte. Optimistisch denken heißt die Devise.
Kurz nach Mittag werden vorzeitig Überstunden abgebaut und die Zugfahrt angetreten. Gegen 17 Uhr erfolgt die eigentliche Abfahrt. Bereits auf der Wilhelmshöhe bei Fröndenberg, von der ein weiter Blick über das Ruhrgebiet und den Hellweg möglich ist, kommt Begeisterung auf, denn die Sicht reicht erstaunlicherweise bis zum Horizont. Etwas, das an diesem Tag dank der leichten Thermik einer sich nahenden Schlechtwetterfront der nächsten Tage und der damit verbundenen Anhebung der sichtbehindernden Staubteilchen in der Atmosphäre geschieht (Herr Kachelmann hat dieses Phänomen in seinem Buch "Wie wird das Wetter" sehr schön beschrieben). Wir lieben die Physik und sind schon jetzt begeistert, wie man vor zwei Monaten so einen passenden Tag erwischen konnte. Der Treffpunkt befindet sich auf dem Parkplatz eines größeren Blumengeschäftes in Münster-Handorf zwischen Münster und Telgte (direkt an der Eisenbahnstrecke »Der Warendorfer« übrigens). Zur Freude eines etwas nervöseren Mitreisenden und dem Ungewissen vor dem, was da kommen mag, ist das Geschäft noch geöffnet und bietet eine Kundentoilette. Pünktlich um 18:30 Uhr fährt ein Transporter mit halboffenem Anhänger vor, auf dem die Spitze der Brenneranlage auf dem Ballonkorb hervorschaut. Pilotin und Verfolger stellen sich vor. Man duzt sich im Ballonsport und so wird Anne die Steuerung des Geräts vornehmen. Alsbald geht es im Bulli auf ein verlassenes Militärgelände in der Nähe, das normalerweise nicht betreten werden darf, für das aber eine Sondergenehmigung zum Starten besteht. Wir müssen unterschreiben, dass wir uns der Gefahr bewusst sind und freiwillig mitfahren.
Zwei weitere Ballonteams fahren ebenfalls auf das Gelände, auf dem kurz darauf ein kleines Wettrüsten stattfindet. Der Korb und der Ballon, der zur anfänglichen Beunruhigung im Hauptteil aus entflammbarem Hyperpolydingsbums-Stoff besteht, werden ausgepackt und auf die Seite gelegt. Es erfolgt eine strenge Einführung in das Aufrüsten eines Heißluftballons. "Da drauf treten, bis ich loslassen sage. Und dann das hochhalten." Ein riesiger Benzinmotor-Ventilator pustet die auf der Wiese ausgebreitete Ballonhülle sachte auf. Der Ballon nimmt am Boden langsam Form an. Beschleunigt wird das ganze durch das erstmalige Anwerfen des Brenners, wobei die Hände beim Festhalten ziemlich warm werden. Die Hülle steigt lansgam auf und das Festhalten wird immer schwerer. Dass man doch irgendwann loslassen muss und die Pilotin nur die Aufforderung dazu vergessen hat, ist eine zwangsläufige Erfahrung, die man machen muss. Der Weidenkorb wird aufgerichtet und die Hülle steht genau darüber, wie man es gewohnt ist. Und dennoch "klebt" der Ballon zu unserem Erstaunen stabil am Boden, zur Sicherheit allerdings noch am Bulli festgebunden. "Ich habe schon fliegende Transporter und Anhänger gesehen – quer über die Wiese!" Die "Nachbarn" sind noch beim Ausrollen, lassen zaghaft einen Versuchsballon, also einen Luftballon, aufsteigen und warten. Anne winkt ab. "Bei dem Wind ist das überflüssig, aber halt eine nette Aktion für die Gäste". Vorsichtshalber mitgenommene Jacken werden im Auto gelassen, da man versichert, dass es oben genau so warm ist wie unten, eher noch wärmer durch den Brenner. Wir steigen nacheinander in den Korb ein. Dazu befinden sich im Geflecht Trittstufen. Die Kante ist dick mit Leder gepolstert und kann leicht überstiegen werden. Der Brenner läuft jetzt auf Hochtouren und zieht langsam an der Leine. Sie wird schließlich gekappt – es geht los!
Unmerklich und sanft hebt der Heißluftballon wie ein Fahrstuhl ab und erreicht schnell an Höhe. Über zwei Seile, die an Ventilen hängen, kann Anne den Ballon drehen, sodass er tatsächlich eine Vorderseite hat mit Instrumenten und Technik – und Landekante am Korb. Lenken geht natürlich nicht, nur der Wind weiß, wo es hingeht. Wir haben den Ballon übrigens nicht ein einziges Mal in voller Schönheit von außen gesehen. Er ist aber knallrot und trägt passenderweise zu unserer Ruhrgebiets-Herkunft die Werbung für einen Steiger. Allerdings weniger für einen aus dem Bergbau, sondern mehr für eine Firma, die Hublifte vertreibt. Für alle anderen greift hiermit der Spruch, dass, sobald ein Hublift ins Blickfeld gerät, "Glück auf, der Steiger kommt" angestimmt werden muss...

Aufrüsten des Ballons: beladener Anhänger, Anbringung der Seile, eingepackter Ballonstoff und beheizte Hülle von D-OJWW (im UZS) |
Während die anderen beiden Teams noch am Boden aufrüsten, zeigt sich, was für ein Glück wir mit dem Wetter haben. Kilometerweit reicht die Sicht im Norden bis zum Wiehengebirge, dem Ausläufer des Teutoburger Waldes, und im Süden zu den Baumbergen. Natürlich ist auch die Innenstadt Münsters scharf zu erkennen. Wir überfahren mit dem Ostwind (Winde werden immer gemäß ihrer Herkunft bezeichnet) Richtung Westen ein erstes Wohngebiet, in dem Leute im Garten grillen. In einem Schwimmbad findet ein Wettkampf statt, auf dem Beachvolleyballfeld daneben verharren die Spieler und schauen gegen die Sonne nach Oben. Dahinter werden die letzten Erdbeeren geerntet. Die Erdbeerpflanzen wirken von oben wie hohe Büsche. Am Rande steht ein kleines Dixi-Klo mitten im Feld. In den Pausen zwischen dem Heizen ist es oben absolut still. Kaum Geräusche von unten dringen bis in diese Höhe vor. Beim Anwerfen des Brenners wird man allerdings kurz von oben geröstet, was gerade bei längeren Menschen etwas hinderlich ist. Die Stille wird unterbrochen durch ein lautes Brummen, denn auf der gerade überquerten Bahnstrecke Münster-Osnabrück, also der Rollbahn, begegnen sich gerade zwei Güterzüge. Auch die anderen beiden Teams sind jetzt in der Luft. Ringsherum sind am Horizont zahlreiche Heißluftballons sichtbar, Anne hat da ein Auge für. Na klar, bei dem Wetter...! Nur der Sprechfunkkontakt zwischen einer Sabine, offensichtlich auch Pilotin, und ihrem Verfolger stört, da man offenbar schon am Anfang genau unter dem Ballon durch Straßen und Feldwege entlanglotst. Anne nutzt die Sprechpause. "Ich habe gesehen, Sebastian hat ´ne Flasche Wasser mit. Das ist gut. Ich habe notfalls auch noch was. Wenn einem schlecht werden sollte, bitte nicht in den Korb..." Man hat schließlich die größte Kotztüte der Welt direkt unter sich, wenn man sich nicht gerade in einem Wohngebiet, über einem Biergarten, Schwimmbad oder auf einer Autobahn befindet. Bei dem Tempo, den unmerklichen Höhenunterschieden und den fehlenden Turbulenzen war das aber überflüssig. Nicht einem von uns wurde auch nur annähernd schlecht.
Wir überqueren die Werse in der Nähe der Havichhorster Mühle und bewundern von oben Reiter auf einem Pferd. Anne heizt ein, um aufzusteigen, da Pferde offenbar sehr schreckhaft auf unbekannte Geräusche und Bewegungen reagieren. Eigene Erfahrungen bei einem Ausritt mit dem Zusammentreffen mit einer Biene (!) und dem Versuch, eine knisternde Karte zu lesen, können dies bestätigen. Es ist übrigens die Westfälische Reitschule am Haus Havichhorst, das wir überfliegen. Kurz darauf taucht der Dortmund-Ems-Kanal auf, bei dem es gerade so aussieht, als würde ein Schiff durch türkisfarbenen Sand rollen. Am Ufer befindet sich ein Zigeuner-Wagenlager. Im Norden ein kleiner Hafen. "Kennt ihr die höchste Erhebung von Münster?" Kenne ich nicht, aber so herausragend kann sie nicht sein. Ich tippe aufgrund der Erfahrungen mit den Dokumentationen für die Industriekultur-Webseite auf eine Mülldeponie. "Genau, und da fahren wir gleich direkt drüber!" Tatsächlich erhebt sich auf der anderen Seite des Kanals ein Berg, der auf der Südseite bereits renaturiert und mit Solarzellen ausgerüstet ist. "Rechts davon das sind die Rieselfelder von Münster." Wobei ich zugeben muss, an dieser Stelle wieder etwas neues gelernt zu haben. Rieselfelder kenne ich auch von Waltrop bei Dortmund. Allerdings war ich davon ausgegangen, dass es sich hierbei um eine Art der Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen von oben handelt, also wie im Regen berieselt. Tatsächlich ist dies aber eine riesengroße Kläranlage, in der Abwässer verrieselt und organisch zersetzt wurden! Heute ist dies ein Naturschutzgebiet und beinhaltet viele Seen und Wasserzüge. Am Rande der Rieselfelder befindet sich der Heidekrug, ein Restaurant mit Biergarten. Bei dem schönen Wetter ist dieser jetzt rappelvoll. Er wird in recht geringem Abstand direkt überflogen und nahezu sämtliche Besucher beantworten das zuwinken. Sogar Fahrradfahrer steigen dazu extra ab.

Details im Münsterland: Spargelfelder, Schwimmbad, VW-Bus, Dixi-Klo, Reiter, Güterzug (von o.l. nach u.r.) |
Der Wind ist auch Eisenbahnfreund, denn beim Überqueren der Bahnstrecke Münster-Rheine rollt der RE 15 nach Emden direkt unter uns durch. Man kann sogar das Zuglaufschild auf der Front des Doppelstocksteuerwagens entziffern. Nächste Verkehrsachse ist die B219, der allerdings die wesentlich mehr befahrene Autobahn A1 folgt. Im Norden passieren wir Münster-Häger. Aufmerksamen Lesern dieser Internetseiten dürfte dabei die Euregio-Bahn nach Enschede einfallen, die am Bahnhof dieses Ortes hält. Und weil die Serie des Glücks gerade nicht abzureißen scheint, ertönt bald das typische Brummen des Talent-Triebwagens. Es ist Anne, die mit einem lauten "Zugalarm!"-Ausruf die Ankunft des Zuges aus Richtung Niederlande erkennt. Derweil wechselt sie mit ihrem Funkgerät die Frequenz, da wir einen Teil der Flugaufsicht des Flughafens Münster-Osnabrück erreichen. "Hier Delta, Oscar, Juliett, Whiskey, Whiskey. Kratzen knapp an Ihren Bereich, erbitte um Erlaubnis!" – "Erlaubnis erteilt, viel Spaß beim Kratzen!" Der Mann im Tower hat offensichtlich Spaß an seiner Arbeit. Auch Sabine fragt über Funk die Überfahrterlaubnis an. Sie muss ganz in der Nähe sein.
Das Münsterland wird nach verlassen einiger Industrievororte, der Kläranlagen und Deponien sehr ländlich. Und doch gibt es hier Gefahren für die Ballonfahrt. Hochspannungsleitungen erkennt man von oben gar nicht, höchstens ihre Masten, die allerdings mit ihrer grünen Farbe von oben auch häufig schwer zu identifizieren sind (daher sollte man Nachtfahrten auch vermeiden). Auch die Anzahl der Spargel nimmt hier zu, wobei nicht das kaiserliche Gemüse, sondern Windspargel gemeint sind – Windkraftanlagen mit gut und gerne fast hundert Metern Rotordurchmesser. Während man nicht wissen will, was bei der Berührung mit Stromleitungen passiert, ist ein Zusammentreffen mit Rotorblättern in jedem Falle ungünstig für die Gesundheit (Wie war das noch: Sagt die eine Möhre zur anderen: "Pass auf, da kommt ein Hubschrabb-schrabb-schrabb-schrabb..."). Es ist extrem selten, dass man diese Windräder in Griffnähe von oben betrachten kann. Bei Hollenbeck wird die B54 gequert. Immer wieder und wieder müssen wir uns die Konversation zwischen Sabine und ihrem Verfolger anhören, die zum Kopfschütteln unserer Pilotin jede Kleinigkeit in die Stille sprechen müssen. Aber abschalten sollte man den Funk nicht wirklich.

Münsteraner Rieselfelder, Mülldeponie, winkende Menschen im "Heidekrug", RE 15 nach Emden und Haltepunkt Münster-Häger |
Es ist unglaublich, aber wir sind bereits über eineinhalb Stunden in der Luft. Die Schatten werden langsam immer länger und die Sonne nähert sich dem Horizont. Die anderen beiden Ballons von unserem Startplatz sind sogar bereits gelandet, aber Anne möchte noch eine Hochspannungs-Trasse und eine Reihe Windräder überqueren. Sicherheitshalber. Doch hinter den Windrädern erscheinen zahlreiche große Felder, die geradezu zum Landen einladen. "Passt auf, auch ich kann etwas übersehen. Wenn ihr Masten oder so erblickt, dann weist mich bitte darauf hin! Vielleicht habe ich sie noch nicht gesehen!" Abgesehen von den Masten macht Anne der Wind Sorge. Beim Starten hatten wir etwa 10 km/h. "Ab 20 km/h besteht die Gefahr, dass der Korb beim Landen umkippt, aaalso muss ich euch dazu noch was erzählen...". Das war am Anfang. Jetzt sind es über 25 Stundenkilometer. Und irgendwie schwappt der Gedanke hoch, ob das ganze nicht doch vielleicht zu gefährlich gewesen sein könnte. " Nicht am Rand festhalten, gehockte Stellung beim Auftreffen und an Griffen im Korb krallen. Und nicht an der Pilotin. Gesicht nach Vorne". Auch bei ernsten Themen behält sie ihren Humor. Nach Überwinden der letzten Windräder und einem Wald wird es ernst, doch der Anflug scheint bedroht durch auf einer Koppel grasender Pferde. Sie sind schon jetzt aufgeregt und setzen immer wieder zur Flucht an, aber Anne versucht es durch Fernberuhigung. "Gaanz ruhig!" schreit sie nach unten. "Hooooo!". Unglaublicherweise funktioniert dies. Die Pferde schauen uns noch etwas irritiert hinterher, bleiben aber ruhig. Weniger ruhig bleiben Feldhasen, die unter uns Haken schlagen, und einige Rehe.
Die Landung ist eindeutig das Gefährlichste bei einem Ballonflug. Idealerweise landet man auf einem Feld, das möglichst unbestellt oder niedrig gewachsen ist. Irgendwann ist allerdings Schluss mit der Suche danach, denn der Gasvorrat zum kontrollierten Fahren ist naturgemäß begrenzt. Kein Strom auf dem Feld, kein Windrad, keine Tiere und möglichst niedrig bewachsen – zumindest im letzten Kriterium müssen wir leider einen Kompromiss machen, denn jetzt, Ende Mai 2011, sind fast sämtliche Felder recht hoch gewachsen. Mais, der noch niedrig ist, liegt leider nur links und rechts der Fahrtroute, aber einen Ballon kann man ja nicht lenken. Hinter der Pferdekoppel muss ein Getreidefeld dran glauben. Schnell die Kamera verstaut und die Tasche in eine sichere Ecke geklemmt. Es erfolgt zunächst eine überraschend prompte "Bruchlandung", die allerdings nur die Funktion einer Bremse hat. Der Ballon steigt kurz auf und überfliegt eine Buschreihe, ist aber deutlich langsamer geworden. Der Wind hat hier im Schatten der Baumberge sogar nachgelassen auf absolute Windstille – besser geht es nicht. Im Nachbarfeld noch ein zwei Hüpfer und der Ballon ist ohne umzukippen zum Stillstand gekommen. Und auf dem Feldweg daneben biegt jetzt unser Verfolger ein. Er hat uns auch ohne Sprechfunkkontakt gefunden. Profis halt.

Münster-Häger, Altenberge (Gegenlicht), Bauernhof, Windkraftanlage, Sonnenuntergang und Windkraftanlage Detail – seeehr nah. |
Nun stehen wir mitten im Feld am Ende einer kleinen Spur der Verwüstung. Um nicht noch mehr kaputt zu machen, steigen zwei, u.a. ich, vorsichtig aus. Wichtig ist dabei, dass man sich nach dem Aussteigen an den Ballon klammert, weil sonst plötzlich Ballast fehlt und der wie ein Aufzug nach oben steigt. Mit kontrolliertem Heizen wird der Ballon auf Ährenhöhe angehoben und schwebend – besser als ich gedacht hätte – über das Feld zum Feldweg gezogen und hier abgesetzt. Zusammen mit dem Verfolger ist es meine Aufgabe, beim Zusammenfallen der Hülle dafür zu sorgen, dass diese in Wegrichtung gezogen wird. Kaum ist die Hülle am Boden und ein großteil der noch recht warmen Luft entwichen, erscheint natürlich der Landwirt auf dem Fahrrad, dem unsere Landung nicht verborgen geblieben ist. Durch ins Gespräch verwickeln, vorführen der Technik und der Tatsache, dass unser Pilot eine Frau ist, erfolgt die Besichtigung des Schadens schnell und wird sich vermutlich ohne weitere Konsequenzen erledigen. Ansonsten sind Ballonbetreiber allerdings auch dafür versichert, soviel sei an dieser Stelle zur Beruhigung gesagt. Anne erzählt beim Einpacken von einer Landung, nach der ein Bauer mit einer Flinte erschien. Die Polizei kam dann und prüfte als erstes den Waffenschein. Nach einer monatelangen gerichtlichen Verhandlung, deren langes Hinziehen nicht am Betreiber lag, sondern am Bauern, bekam dieser für diese Mühe klägliche 140 Euro zugesprochen. Bei normaler Unterhaltung miteinander und Melden der Versicherung wäre dieser Betrag mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Vielfaches größer ausgefallen.
Nach dem gemeinsamen Verstauen des Ballons erfolgt für alle Neulinge die Ballontaufe. Dazu wird eine Haarlocke angezündet, mit Sekt gelöscht und die Person zum Ballonritter geschlagen. Dazu gehört natürlich ein neuer Name und die passende Urkunde. Was allerdings bei einer Polizeikontrolle passiert wäre, nachdem eine ganze Piccolo-Flasche Sekt auf sämtlichen Frisuren verteilt wurde, will ich gar nicht wissen. Im Bulli riecht es jedenfalls verdächtig nach Schaumwein-Abfüllanlage. Was 25 Kilometer Luftlinie sind, muss mit dem Auto erstmal wieder zurück gefahren werden. Von Altenberge über die B54 durch Münster und zurück zum Parkplatz am Einkaufszentrum Handorf. Mit uns treffen zufälligerweise auch nacheinander die anderen Ballonteams ein.
Wir hatten wirklich unglaubliches Glück mit dem Wetter und alles funktionierte völlig reibungslos. Wir sind wieder heile am Boden angekommen, ohne abzustürzen, in Stromleitungen geröstet oder in Windrädern zerhackt worden zu sein. Wir wurden auch nicht vom Bauern erschossen, weil wir Teile seines Feldes verwüstet haben. Obwohl diese Fahrt nicht besser hätte sein können und man dieses gerne nochmal erleben würde – wir würden es nicht nochmal machen. Die Fahrt war einfach zu schön und ist nicht zu verbessern. Man wäre vermutlich nur enttäuscht.
Vielen Dank an dieser Stelle an die Mitfahrer, die Pilotin Anne und ihren Verfolger, dessen Vornamen ich vergessen habe.
Webseite des Ballonteams Münster: www.ballonteammuenster.de
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(c) Bilder, Text und Grafiken: S.Hellmann - www.mytrainsim.de |